 den Herrn mit
ihm zu versöhnen, und uns den melancholischen Freund zurückzuführen?«
    Die Herzogin antwortete hierauf nichts, sondern sagte: »Der Domherr hat
unrecht, uns in der Not zu verlassen, die nur er im Grunde angerichtet hat.
Versuchen Sie doch, ihn zu halten.«
    »Ew. Durchlaucht kennen die Grillen dieses seltsamen Mannes«, versetzte der
Arzt. »Ich habe ihn schon dringend gebeten, zu bleiben, aber er sagte, seine
Geschäfte litten es nicht. Freilich ist dies ein leerer Vorwand, der wahre Grund
liegt in seiner gänzlichen Unfähigkeit, irgend etwas mit Stetigkeit zu
verfolgen. Sobald er sieht, dass einem Plane, wie deren seine Seele täglich
hunderte gleich Blasen aufwirft, die Ausführung zukommen soll, ergreift ihn ein
unbezwinglicher Widerwille, er kann dann nicht ausdauern, es treibt ihn wie mit
Geistermacht von solchem Orte hinweg. Nichts Seltsameres soll es geben, als
seine sogenannten Sammlungen und die Einrichtung seines Hauses. Alles hat er
angefangen, nichts vollendet; die Zimmer ließ er reich meublieren, ehe sie noch
ausgeweisst waren.«
    »Ein unglücklicher Charakter«, sagte die Herzogin. »Ich möchte von einem
solchen Wesen die Worte Glück und Unglück gar nicht gebrauchen«, erwiderte der
Arzt. »Sie deuten doch immer auf einen gewissen Zusammenhang im Menschen hin,
und der ist es gerade, welcher hier fehlt. Eigentlich tut er mir leid, da er
gutmütig ist und auf seine Weise Verstand besitzt. Wir sehen in ihm doch auch nur
ein Opfer vernachlässigter Erziehung, und der Zwangsverhältnisse, welche
jüngeren Söhnen vornehmer Familien sonst nur die Wahl zwischen dem Müssiggange
des Degens und dem Müssiggange der Tonsur offenliess. An der Wurzel dergestalt
getötet, kann jemand zwar, solange die Jugend vorhält, durch Libertinage und
Gesellschaftskünste den Schein des Lebens um sich verbreiten, aber wenn die
Jahre kommen, die keinem gefallen, weil sie unerbittlich von jedem sagen, was an
ihm sei, dann tritt der psychische Tod, die Torheit, unaufhaltsam ein, ehe noch
das Spiel der Nerven und Muskeln ausgespielt ist.«
    »Ich habe immer darüber nachdenken müssen, warum uns die andern Stände
beneiden?« sagte die Herzogin. »Seitdem das Geld weit mehr bei den Bürgerlichen
als bei uns ist, kann man nicht einmal sagen, dass wir leichter imstande seien,
uns die Genüsse zu verschaffen, worin doch auch das Leben nicht besteht. Was
haben wir also voraus? Mich dünkt, die Pflichten sind geblieben, während die
Rechte verlorengingen.«
    »Man nennt den Adel häufig eine Ruine«, versetzte der Arzt. »Ich will die
Wahrheit dieses Gleichnisses nicht untersuchen, und es dahingestellt sein
lassen, ob so wenig Mauer und Fundament geblieben sei, dass ein
