 fragte Hermann.
    »Ganz gewiss«, versetzte der Edukationsrat, »denn in diesen zwei Zeilen ist
die Bestimmung der Geschlechter vollständig ausgedruckt, und alles, was noch
sonst darüber gesagt werden mag, ist nur ein Kommentar jener Verse. Leider
bekomme ich nur meine Zöglinge nicht so unverbildet, wie ich meine eignen Knaben
erhalten habe. In der Regel ist ihnen durch Zwang schon allerhand eingeimpft,
was denn erst wieder heraus muss, damit nur die Natur zum Vorschein kommt und ich
sehe, wozu eines jeden Sinn und Neigung ihn führt. Habe ich das erkannt, so ist
eigentlich das Hauptgeschäft getan, und die junge Raupe frisst sich, wenn ich ihr
nur die Blätter gebe, worauf ihr Instinkt sie angewiesen hat, von selbst zum
Schmetterling.«
    Hermann musste über dieses seltsame Gleichnis lächeln und wandte ein, dass
wenn man sich nach eines jeden Neigung richten wolle, man so viele Erzieher
haben müsse, als Kinder in die Welt gesetzt würden.
    »Ein System ist nur unter Beschränkungen auszuführen, das versteht sich von
selbst«, versetzte nicht ohne Empfindlichkeit der Realschulmann. »Annähernd aber
kann man allerdings verfahren, und um ein Beispiel zu geben: Ich quäle
diejenigen, welche einen entschiednen Sinn für Mathematik und Zeichnen verraten,
nicht mit der Technologie, und so umgekehrt. Das glücklichste wäre, wenn meine
Methode nach und nach zur Aufhebung der Universitäten führte, die in ihrer
jetzigen Gestalt wahre Invalidenanstalten des Geistes sind. Wenigstens müsste die
philosophische Fakultät, in welcher man alles Wichtigste: Geschichte,
Geographie, Naturkunde und was sonst noch, zusammengerührt hat, in
Spezialschulen auseinandergelegt werden. Geschichte kann man nur lernen in einer
Gegend, wo die verschiedenen Perioden der Vergangenheit ihre Niederschläge in
Denkmalen, Sprache und Sitten abgesetzt haben; ebenso Erdkunde und Physik nur an
wirklich bedeutenden Naturpunkten. Was Jurisprudenz und Theologie betrifft, so
möchten diese immerhin bleiben, wo sie sind, und die Philosophie kann freilich
auch überall und nirgends gelehrt werden.«
    »Mit deinem Systeme hat es noch weite Wege«, sagte die Edukationsrätin,
welcher Hermann die Ungeduld angesehen hatte, auch zum Wort zu gelangen. »Desto
kürzer ist das meinige auszuführen. Ja, mein Herr, das Weib strebe nach Sitte!
das ist die ganze Weisheit weiblicher Erziehungskunst. Und was heißt Sitte?
Gehorsam, Fleiß. Daher: um fünf Uhr morgens aufstehen, gehorchen, bis neun Uhr
abends die Hände nicht in den Schoss legen, und dann wieder zu Bett! Alles andre
ist ganz unnütz, wir lernen nichts aus Büchern, sondern nur durch Umgang und
Menschen. Wenn sie heiraten und Kinder bekommen, wird Klavierspielen und
Französisch an den Nagel gehängt. Stille, Liebe, Verträglichkeit, bescheidnes
Fügen, das sind die Eigenschaften
