 seiner Rede ergab, dass ihn bloß die Lage des Obristen Talheim in
diesem Augenblicke beschäftigte.
    Ich glaube, sagte sie endlich, dass sich nichts so leicht erklären lässt, als
das Gefühl der Scheu, womit ein Mensch dem andern seinen Mangel verbirgt.
    Ja wohl, rief der Pfarrer mit seiner gewöhnlichen vorschnellen Art, es ist
eine erbärmliche Eitelkeit, für reich angesehen sein zu wollen. Ich glaube
nicht, dass dies der Grund ist, erwiderte die Gräfin, sondern vielmehr die
Einbildung derer, an die man sich wenden könnte, denn natürlich kann sich der
Mangel Leidende nur an Wohlhabende wenden, und die werden alle Mal ihren
glücklichen Zustand als die Folge ihrer Klugheit, ihres Fleißes oder ihrer
Ordnung betrachten, und werden immer annehmen, dass ihrem leidenden Bruder eine
dieser Eigenschaften oder auch alle fehlen.
    Das ist aber auch gewöhnlich der Fall, fiel der Geistliche ein.
    Sie beweisen die Richtigkeit meiner Bemerkung, sagte die Gräfin lächelnd.
Aus dieser Ansicht folgt nun ganz natürlich, dass sich jeder Wohlhabende für
klüger hält, als der Notleidende ist, folglich mit der Hilfe, die er ihm
leistet, zugleich eine gewisse Vormundschaft übernimmt und von dem, der seine
Hilfe empfängt, fordert, er solle mit seinen Augen sehen, aus seinem Herzen
fühlen und nach seiner Leitung handeln. Sagen Sie selbst, kann es für einen
Menschen etwas Schmerzlicheres geben, als wenn er die Hilfe seiner Freunde so
teuer erkaufen muss, dass er gezwungen ist, seine Einsicht, seinen Willen, seine
Gefühle, seine Selbstständigkeit aufzugeben, und können Sie sich wundern, dass
Jeder diesen traurigen Zustand so lange als möglich vermeidet? Könnten wie uns
entschließen, mit den Augen unserer notleidenden Freunde zu sehen, uns in ihre
Lage zu versetzen, und unsere Hilfe ihnen nach ihrer Neigung und Einsicht zu
gewähren, so dass wir ihnen nur die Schwierigkeiten aus dem Wege räumen hülfen,
die sie hindern, sich frei in ihrer eignen Bahn zu bewegen, statt dass wir ihnen
jetzt höchstens unter der Bedingung Beistand leisten, dass wir sie in die unsrige
hinüber zwingen, dann, glaube ich, würde weder Vertrauen, noch Dankbarkeit in
der Welt so selten angetroffen werden.
    Der Geistliche verstand die Gräfin nicht recht, und machte nun bei sich aus,
dass sie eine Neigung zur Schwärmerei habe. Dies Wort war ihm ein Trost, denn
Alles, was seiner Denkungsweise fremd war, was er nicht verstand, oder was ihm
zuwider war, bezeichnete er mit diesem Ausdrucke und betrachtete es als eine Art
von Selenkrankheit. Er endigte also das Gespräch von Wohltätigkeit, indem er
sich an den Grafen wendete und sagte: es fällt mir eben ein, da wir heute über
Ihre Verwandten sprechen, Ihr Vetter, der junge Graf Hohental
