. Die Straßen sind so
unermesslich lang und breit, dass sie immer leer scheinen; die Plätze sind so
groß, dass sich Alles darauf verliert, und ich weiß nicht, ob es vielleicht aus
diesem Grunde war, dass die Statue Peters des Ersten nicht den Eindruck auf mich
machte, den ich erwartete. Sie sieht in dieser Umgebung klein aus, und selbst
der Felsen, auf dem sie steht, kann nicht Bewunderung in dem Beschauer erregen,
wenn er es nicht weiß, dass dieser ungeheure Granitblock aus Finnland hieher
versetzt wurde, denn hier, wo er jetzt steht, sieht er bei Weitem nicht so groß
aus, wie ich ihn mir nach Beschreibungen dachte. Einigermassen mag der Sommer
Schuld sein an dem toten Ansehen, das jetzt Petersburg hat, weil dann Alles
eilt, für diese wenigen Monate die reizenden Landhäuser zu beziehen, die die
Stadt von allen Seiten umgeben, und in der Tat, hier kann man es ganz
vergessen, dass man im Norden lebt. Diese verschwenderische Pracht von Blumen und
blühenden Stauden entzückt das Auge; die sich auf dem Wasser schaukelnden, bunt
geschmückten Gondeln rufen südliche Bilder in unserer Seele hervor. Die
schattigen Baumgänge gewähren anmutige Kühlung bei dem Brande der Sonne und
schützen gegen die rauen Winde, die tückisch oft auf einmal an den Norden
erinnern. Ist man so glücklich, an einem schönen Tage denn auch die nur in
Russland einheimische Hornmusik im Freien zu hören, so muss auch der
eigensinnigste Kritiker gestehen, dass die große Kaiserstadt und ihre Umgebung
die edelsten Genüsse zu gewähren vermag. Ich habe niemals Instrumentalmusik
gehört, die auf mich einen so tiefen, unerklärlichen Eindruck gemacht hätte. Es
ist ein lebendiges aus Menschen zusammengesetztes Instrument, das wir hier
hören. Jeder bläst nur einen Ton auf einem der an Größe verschiedenen Hörner,
und wenn auch diese Musik ihrer Natur nach wohl nur dazu geeignet ist, ernstere
Sachen in gedehnten Tönen vorzutragen, so ist es doch auf's Höchste zu
bewundern, wie dies Menscheninstrument eingeübt ist, denn sie machen die
schnellsten Läufe auf und ab mit einer Genauigkeit, die an's Unglaubliche
gränzt. Nachdem mir diese Musik den höchsten Genuss gewährt hatte, drängte sich
mir doch ein schmerzliches Gefühl auf, denn es drückte mich hart, den Menschen
in dem Grade zur Maschine erniedrigt zu sehen.
    Noch ergreifender aber und unendlich erhabener ist der Eindruck, den die
russische Kirchenmusik auf jeden Menschen hervorbringen muss, dessen Seele für
solche Eindrücke überhaupt empfänglich ist. Bekanntlich verbannt der strenge
griechische Ritus alle Begleitung der Instrumente, auch verbietet dieselbe
Strenge bei Besetzung des Soprans sich der Hilfsmittel zu bedienen, die die
lateinische Kirche gestattet, also wird die Diskantstimme von Knaben gesungen,
die für die Kapelle zu diesem Behufe ausgewählt werden
