, dass sie die lebhafteste Zuneigung des Kindes gewonnen hatten.
 
                                      XIV
Das Leben war auf dem Landsitze des Grafen nach der Abreise der Freunde wieder
in seine gewohnten Gleise zurückgekehrt. Die Tage verstrichen gleichmäßig unter
ernsten Beschäftigungen, oder im Genuße der Natur, der Poesie und Musik, und
dieser einfache Gang des Lebens wurde nur durch erhöhte Heiterkeit unterbrochen,
wenn Briefe von Evremont eintrafen. Man hatte nun nichts mehr für ihn zu
fürchten, seine Lage nicht mehr zu beklagen; also gewährten seine Briefe reine
Freude, nur mit der kleinen Beimischung von Schmerz, dass die sehnsüchtige
Erwartung immer noch getäuscht wurde; er konnte immer noch nicht seine Abreise
aus Russland melden. Obgleich es bekannt war, dass die kriegsgefangenen Franzosen
ohne Schwierigkeit Erlaubnis erhalten sollten, nach Frankreich zurückzukehren,
so war es doch natürlich, dass bei der weiten Ausdehnung der russischen Provinzen
manche Zögerung für viele Einzelne eintrat, und Evremont besonders wollte nun
bei seiner Abreise doch einen Pass erhalten, in dem sein wahrer Rang in der
französischen Armee verzeichnet wäre. Er hatte sich zum Teil in dieser Absicht
nach Petersburg begeben, weil er dort mit Gewissheit hoffen konnte, mehrere
Franzosen anzutreffen, denen er persönlich bekannt wäre, und die also sein
Gesuch unterstützen könnten. Aber auch in der kaiserlichen Residenz musste er
seinen Aufenthalt länger ausdehnen, als er wünschte, ehe er sein Ziel erreichen
konnte, und er schrieb seinen Freunden über diese merkwürdige Stadt:
    »Wer Petersburg sieht, wird sich des Staunens nicht erwehren können über das
Ungeheure, was menschliche Anstrengung in wenig mehr als hundert Jahren
hervorzubringen vermochte. Wenn man die demütige Hütte besucht hat, die sich
Peter der Erste errichtete, von wo aus er sein Riesenwerk leitete, und wirft
dann einen Blick auf die unermesslichen Straßen, auf die kolossalen Palläste, die
seitdem entstanden sind, oder auf die herrliche Einfassung der majestätischen
Newa, und die großartigen, reich verzierten Tore und Gitter des Sommergartens,
so kann sich die Phantasie nicht daran gewöhnen, sich dies alles als kürzlich
entstanden zu denken. Betrachtet man die ungeheueren Säulen aus Granit, jede aus
einem einzelnen Block und wie Edelgestein polirt, die in der Kasanschen Kirche
prangen, so darf man diese Werke dreist mit den Werken der Römer vergleichen,
und hätte immer ein richtiger Geschmack diese ungeheueren Kräfte geleitet, dass
wir eben so wohl den edelen Styl der Baukunst immer bewundern könnten, wie den
großen Kraftaufwand, so wäre Petersburg beinah ein Wunder zu nennen, aber nicht
zu leugnen ist es, dass sich dem Beschauer oft ein Gefühl aufdrängt, das ihn
zwingt, eine solche Verwendung so ungeheurer Kräfte zu beklagen. Auch war es
mir, nachdem das erste Anstaunen dieser Schöpfung vorüber war, störend, das
lebendig-frohe Gewühl anderer Städte zu vermissen
