 dem Lande grade in eine so ungünstige Zeit
fällt. Der Krieg hat alle Menschen ängstlich gemacht, es wagt sich beinahe
Niemand heraus, und wenn sich auch eine Gesellschaft vereinigt, so fehlt doch
die ehemalige Heiterkeit.
    Die Gräfin unterdrückte eine Antwort, die sie geben, oder eine Bemerkung,
die sie machen wollte, und sagte nur seufzend: ich wollte, gutes Kind, Du
könntest mich zerstreuen.
    Würde Musik Sie vielleicht erheitern? fragte Emilie, indem sie aufstand und
sich dem Instrumente näherte. Um Gottes Willen nicht, erwiderte die Gräfin, in
meiner jetzigen Stimmung würde Musik mein Gefühl beleidigen.
    Soll ich Ihnen vorlesen? fragte Emilie ein wenig schüchtern. Lesen, sagte
die Gräfin mit Bitterkeit, lesen statt leben, es ist die allgemeine Meinung
unserer Zeit, wir verschleudern unser eigenes Leben, um das eingebildeter
Personen zu lesen; nun so lass uns denn so töricht sein, wie alle Andern, nimm
ein Buch und lies mir vor, nur bitte ich Dich keine Poesien, lass es schlichte
gewöhnliche Prosa sein, woran wir uns ergötzen wollen.
    Wer sollte wohl in dieser Äußerung, sagte Emilie lächelnd, die
leidenschaftliche Verehrerin der Poesie wiedererkennen?
    Eben weil ich die Poesie verehre, versetzte die Gräfin, soll sie nicht in
meiner jetzigen Stimmung vergeudet werden. Ich vermag heute nicht Aufmerksamkeit
genug darauf zu verwenden, um die Schönheit eines Gedichtes heraus zu hören, und
in solchem Zustande ist ein Roman das Beste, was man lesen kann.
    Ich habe nicht geglaubt, sagte Emilie, dass Sie auch so gering von dem Romane
dächten, wie die meisten gelehrten Recensenten, und nun, da es doch so scheint,
werde ich in meiner eignen Ansicht irre.
    Wer sagt Dir, dass ich gering von dem Roman denke? fragte die Gräfin; doch,
fuhr sie fort, lass Deine Ansicht über ihn hören.
    Sie wollen über mich lachen, antwortete Emilie, und wenn es Sie erheitern
kann, will ich mich gern Ihnen so gegenüberstellen, als könnte auch ich ein
Urteil haben.
    Gar zu bescheiden, sagte die Gräfin, Du weißt, meine Liebe, auch das Gute
muss man nicht übertreiben.
    Emilie errötete ein wenig und sagte dann: jetzt wird es mir in der Tat
schwer, eine Ansicht zu entwickeln, die ich vor Kurzem noch mit so viel Klarheit
in mir hatte; aber ich dächte, die Romane wären deswegen so allgemein beliebt,
weil sie uns in der Tat die Gesellschaft am Meisten ersetzen; wir leben im
Kreise der Menschen, die uns dargestellt werden, wir kennen die Gegend, in der
sie leben, ihre Häuser und Hausgenossen, es entwickelt sich ihr Charakter vor
uns, sie vertrauen uns ihr Glück und ihre Leiden an, und ist
