 sehr
befördert wird, und alle ihre Kenntnisse heimlich erwerben, um nicht als
pedantisch und anmassend verlacht zu werden; also wäre auch dies ein sehr
mühevoller und unsicherer Weg. Warum die Frauen in der bildenden Kunst niemals
etwas ausgezeichnet Großes werden leisten können, ist, glaube ich, noch leichter
einzusehen. Ein unüberwindliches Gefühl der Sittsamkeit wird das Studium der
Natur verbieten, und ich glaube, alle Künstler sind darüber einig, dass ihnen
dies unentbehrlich ist. Bei dem Studium der Landschaft nach der Natur hindert
wieder die bedingte Freiheit, denn es kann doch nur die Stelle beobachtet
werden, wohin man in anständiger Begleitung spazieren gehen kann. Die Gedanken,
welche die Seele auf einsamen Wanderungen nährt, muss eine Frau entbehren, und
auch hier kann nur der Rat eines Lehrers leiten, statt dass die jungen Männer
sich gegenseitig mit einander beraten, verlachen und bewundern, und so durch
Wetteifer alle Kräfte des Geistes anregen. Auch liegt in der Seele der Frauen
eine gewisse Schüchternheit, die die Ausübung einer jeden Kunst hindert; ich
meine nicht die so oft äußerlich gezeigte, die nicht einmal immer wahrhaft ist,
sondern diejenige, die es einer Frau unmöglich macht, das Tiefste, Wahrste,
Wildeste und Größte, was ihre Seele denkt, auszusprechen. Ich halte es für
unmöglich, dass eine Frau eine gewisse Jungfräulichkeit der Seele aufgeben kann,
und deshalb wird sie lieber die Tiefe ihres Geistes verhüllen, als zeigen, und
eben deshalb wird ein feiner Geist bei den bedeutenden Hervorbringungen der
Frauen die Tiefe dieses Geistes vielleicht ahnen und oft bemerken, dass große
künstlerische Anlagen in ihnen nicht zu verkennen sind, aber ich zweifle, ob er
irgend eine Hervorbringung als ein vollendetes Kunstwerk wird bewundern können.
    Es scheint aber, sagte der Geistliche, als ob wir in einen Widerspruch
gerieten; erst, glaube ich, verlangten die Frau Gräfin, dass unsere Töchter wie
unsere Söhne ausgebildet werden sollten, und nun geben Sie selbst zu, dass dies
unmöglich ist.
    Ich glaube nicht, erwiderte die Gräfin, dass ich mit mir selbst im
Widerspruche bin, ich glaube nur den Wunsch geäußert zu haben, dass, so wie man
die jungen Männer um ihrer selbst Willen erzieht, man diese Gerechtigkeit auch
gegen das weibliche Geschlecht üben sollte. Dass die Erziehung an sich
verschieden sein muss, habe ich nicht leugnen wollen, und wenn ich glaube, dass
keine Frau eine gründliche Gelehrte oder eine vollendete Künstlerin sein kann,
so habe ich wiederum damit nicht ausdrücken wollen, dass schöne Geistesanlagen
nicht so viel als möglich ausgebildet werden sollten. Es wäre überhaupt zu
wünschen, dass die Erziehung der Töchter ernsthafter betrachtet würde, denn
welche Meinung auch jeder Einzelne über die Stellung der Frauen in der Welt
haben mag, so wird man
