 werden, an
jener weltistorischen Aufgabe der Versöhnung zwischen Bild und Wahrheit, Mytus
und Gedanken, mitzuarbeiten. Die katholische Kirchenmusik blieb mit ihren
zerknirschten Empfindungen in den Mytus versunken, während die Malerei in ihrer
höchsten Blüte ihn zu idealisiren unternahm. Gehörte Rafael der Welt, so waren
Palestrina und Marcello nur fromme Söhne ihrer Kirche. Ihre Psalmen und
Motetten, ihre Messen und Kantilenen, rauschten von der Orgel, und klagten und
jubelten durch den hohen Dom, aber hinter ihnen waren die Kirchtüren
zugeschlagen, und nur fern von draußen hörte man die Strömung des Lebens.
Rafaels Altarblätter dehnen sich hinaus über die Bogenwölbung, unter der sie
ruhen, sie sprengen das Dach und die Kuppel, und machen Dir oben den blauen
Himmel frei und eine weitblickende Fernsicht. Die Musik der Messe macht Dich
ortodox, wenn Du es noch nicht bist. Ihr mytischer Ernst nimmt Deine Seele
gefangen, die Heiligkeit der Tradition braust mit Posaunenklängen dazwischen,
und auf süß verlockenden Saiten wird ein gefährlicher Friede des Herzens Dir
angeboten. So haben noch bis in die neuesten Zeiten Cäciliens tönende Engel die
meisten Proselyten gemacht. Und was tat die Poesie, diese Göttin, als sie
katholisch war? Sie hat ein ungeheueres Gedicht hervorgebracht, die göttliche
Komödie des Dante, von dem ich hier nicht reden will, weil es unter andern
Gesichtspunkten zu betrachten, denn der katholische Mytus ist in dem Geist
dieses gigantischen Dichters speculativ geworden. Nicht zu weltfreien Formen
idealisirt, wie in Rafael, nicht in dunkler Inbrunst des Gefühls ausklingend,
wie in Palestrina, hat bei Dante der Katholizismus, um sich auf einen tieferen
und reicheren Lebensgrund zu stellen, vielmehr fremde Elemente in sich
aufgenommen, und mit scholastischer Philosophie und antiken Formen sich
gemischt. Am meisten kirchlich blieb die katholische Poesie in den Autos des
Kalderon, und über dem Haupt dieses spanischen Dichters drückte sich die Decke
der Kirche am Ende so eng zusammen, dass er auf seinem Todbette alle die
wunderschönen weltlichen Dramen bereute, die er gedichtet, und die noch heut
seinem Namen einen lieblichen Klang unter uns geben. Aber das Kirchenlied ließ
in seinen herrlich tönenden lateinischen Rhytmen manche rührende Laute hören,
und dichtete das tiefbewegte Stabat mater, das noch immer für jedes andächtige
Herz einen hinreissenden Schwung hat. In wie kindlich frommen Weisen hat hier
nicht die Andacht zu der Madonna Worte gefunden. Sie steht vor dem Kreuz des
Sohnes, die Tränen stürzen ihr über die blasse Wange herab. Das Todesschwert,
das die heiligen Glieder durchdrungen, ist auch tief in ihre Seele gefahren, und
der Schmerz der ganzen Menschheit zuckt durch die Brust der gebenedeiten Mutter.
Da schleicht sich die Andacht der Gläubigen leise an ihre Seite, und schmeichelt
sich bittend zu ihren großen Schmerzen hinan. Die menschliche Andacht will
