
Hohe, das Erhabene, das Gedankenschwere, oder ist es das Jungfräuliche, das
Reine und Schlanke, das Mädchenhafte, was mein Herz vor diesem Bilde
niederwirft. Die vom Geist überschattete Mutter Gottes und die zarte,
unschuldige Magd sind gleicherweise ausgedrückt in diesen Zügen, in diesen
Blicken, in diesem wunderbaren Körper. Die schwebende Bewegung der Gestalt, der
gottesehrfürchtige Ernst der Augen, ziehen die Gedanken in das Unendliche und
Unsichtbare aufwärts, und die süße Leiblichkeit bindet sie wieder an die Anmut
der Form als an ihre irdische Gränze. Das Mädchen zieht von der Göttin ab, und
die Göttin von dem Mädchen. Und so ist alles menschliche Denken. Die Idee fasst
sich in ihrer tiefsten Geistigkeit, und wird doch gern wieder Leib, und muss es
werden, weil für den Lebenden ein so seltsamer Zauber auf dem Irdischen ruht.
Und das Kind der Welt ist von diesem jungfräulichen Leib geboren worden! Wie
äterisch, wie vergeistigt, wie verklärt ist dieser Leib in allen seinen Formen,
dass man sieht, ein großes Weltgeheimniss leuchtet aus der feinen Durchsichtigkeit
dieser Glieder heraus! Bei diesem Bilde fällt mir kein Kreuzgang einer
katholischen Kirche ein, in dem ich es mir denken müsste. Rafael hat hier, wie
immer, für die unsichtbare Kirche gemalt. Seine Bilder sind Weltbilder, er ist
ein Weltmaler. Was die großen Helden der Geschichte mit dem Schwert verfochten,
was die Dichter und die Weisen im Sinne gehabt, hat Rafael mit Farben
geschrieben. Die Weltfreiheit des Gedankens. - -
    Lass uns nun, holde Maria, auch die andern Künste in ihrem Madonnendienst
belauschen! Wir sind einmal im Zuge, wir haben uns weit in Betrachtungen
verloren. Es wird spät, aber Du bist ein freies Mädchen, und wachst mit Deinen
sinnenden Augen gern in die Geisterstunde hinein, und ich verehre Dich! Die sich
verstehen, sind für einander geboren, und fragen beide nicht nach Zeit und
Stunde. Die gemeine Ordnung der Dinge berührt nicht Die, welche frei und mutig
sind im Geiste. Ich habe immer im Stillen meine größte Schadenfreude daran
gehabt, wenn ich die Regel der Verhältnisse verachten konnte. Und Du bleibst bei
mir, schönes, freies, geniales Mädchen! Die Mitternacht ruht schwer und träge
über unsern Häuptern, die Eule schreit drüben auf dem Kirchturm, aber helle,
wachsame Gedanken gehen auf und ab auf Deiner holdseeligen Stirn.
    Die Kunst des Katholizismus war die Malerei, aber die andern Künste konnten
sich nicht emporschwingen an dieser Aufgabe. Die Musik stimmte zwar erhabene
Töne an, und führte große und herrliche Stücke auf zu Ehren der Kirche, aber sie
blieb, ihrer Natur nach, ganz in bigott katholische Gefühle verloren, und konnte
daher wegen dieser Einseitigkeit ihrer Andacht nicht dazu gebraucht
