 welcher
Gott hervortrat in die Täler der Erde. Durch diesen Gedanken der notwendigen
Unbewussteit habe ich mir die Notwendigkeit der Virginität, der
Jungfräulichkeit und der unbefleckten Empfängnis der Madonna bewiesen. Durch das
menschliche Bewusstsein waren die heidnischen Götter gezeugt worden, aber in
Jupiter und Apoll war eben nur menschliches Bewusstsein, und ihre Altäre stürzten
zusammen, und der Olymp des menschlichen Bewusstseins fiel. Die Welt wurde
finster, und war ohne Gott. Sie philosophirte, sie speculirte, sie baute
Systeme, sie gründete Geheimlehren, aber kein Gott und kein Glück schien hinein.
Da regte es sich im Schoss einer Unbewussten, einer Jungfrau. Die hieß Maria, und
hatte von der ganzen Welt noch nichts gewusst. Sie war schön und lieblich am
frühen Morgen ihres Lebens, aber sie wusste von nichts. Sie war wie eine Blume
auf dem Felde, die nach dem Licht sich aufrichtet, aber nicht weiß, warum? In
ihrem Städtchen hatte man nie etwas von Philosophie gehört, und ihre Nachbarn
lebten und starben mit der Stunde. Aber mit den Unbewussten ist Gott, denn er
freut sich an ihrer Frische. Er gießt keinen neuen Most in einen alten Schlauch,
sondern er schafft sich einen neuen. Das alte Weltbewusstsein war in tausend
unseelige Trummer auseinandergegangen, und siehe, an die unbewusste Unschuld
knüpft sich die neue Weltordnung an. Die Unbewusste, die Jungfrau, trägt unter
ihrem reinen Herzen den Erlöser. Die Unbewusste, die Jungfrau, wird von der Kraft
des Höchsten überschattet. So werden später unter den Völkern nur die neuen,
unbewussten, jungfräulichen Germanen auserkoren, um die erlösende Lehre des
menschlich geborenen Gottes in der Weltgeschichte siegreich zu machen. Alles wird
auf einen reinen und neuen Stamm gepfropft. Die Jungfräulichkeit ist die höchste
Macht aller Weltentwickelung, das erste Gesetz in der Geschichte. - -
    Maria bat fortzufahren, und legte in der Aufmerksamkeit des Zuhörens ihren
Arm vertraulich über die Schulter des Redenden. Ringsumher begünstigte die
wieder ruhig gewordene Nacht den Gedanken.
    Die Madonna stand weinend am Kreuze, und auf ihren Schleier sprützten die
Blutstropfen des Sohnes. Er aber sprach zu ihr: Siehe, Weib, das ist Dein Sohn!
Und von dieser Stunde an ging die Mutter mit dem Sohne in die Weltgeschichte
über. Die Menschen wollten Bilder haben, denn ihnen wird bange vor dem reinen
Geist. Sie wollten schöne Bilder hineinstellen in ihr kahles Dasein, und erhoben
die Madonna in aller Glorie der Verherrlichung auf den Purpurtron ihrer
Andacht. Die Jungfrau gründete den Olymp der christlichen Mythologie. Es war
rührend, an sie zu denken, und wessen Herz riss es nicht hin, wenn die
jungfräuliche Mutter der Christenheit vor ihn trat in seine Anschauung. Eine
Mutter, eine Jungfrau, die zwei Blütenpuncte des Menschlichen!
