 Zeitlang heimisch und angesessen erblickt. In seiner
Jugend war er Rechtsgelehrter gewesen, hatte über Testamente geschrieben, und,
obwohl der Sohn einer umherabenteuernden Schauspielerin, in den vornehmsten
Gesellschaften und bei den schönsten Damen Venedigs Glück gemacht. Dann fing er
auf Einmal an zu predigen, bahnte sich Aussichten zu den höheren geistlichen
Würden, machte dumme Streiche, und wurde Soldat. Hierauf abwechselnd Militär,
Glücksritter, Spieler, Gelehrter, Musiker, Wunderdoctor, diplomatischer Agent,
Freund und Gesellschafter der ausgezeichnetsten und berühmtesten Personen seiner
Zeit, lebte und handelte er in diesen Eigenschaften bald in Deutschland, bald in
Frankreich, bald in Konstantinopel, bald in Paris, bald in Rom, bald in
Petersburg, in Riga und in der Schweiz, in Warschau und in Neapel, in Madrid und
London, und sollte in Berlin sogar zum Director der Kadetten-Anstalt gemacht
werden, was er nicht einmal annahm. Wo er wollte, sehen wir ihn in der
glänzendsten Gesellschaft sich bewegen, mit den merkwürdigsten Männern auf
vertrautem Fuße umgehn, die sachkundigsten Gespräche führen; und wo er nicht
wollte, ist er nicht minder interessant, wenn er der spanischen
Schuhmachertochter in die Messe nachschleicht, oder wenn es ihm auf Einmal
einfällt, in Venedig als armer Violinspieler zu leben und in nachdenklicher
Einsamkeit seine Geige zu streichen. Dann gefiel er sich wieder in
philologischen Beschäftigungen, übersetzte die Iliade des Homer in italienische
Stanzen, trieb Politik und Geschichte, war Altertumsforscher, und vertauschte
die Reize junger Frauen mit den Reizen alter Bücher. Seine Belesenheit war
unglaublich, und er hatte mindestens eben so viel Bücher aller Sprachen gelesen,
als Mädchen aller Nationen geliebt, und wie er sich für die Schönheiten des
weiblichen Geschlechts eine eigene mühsame Geschmackslehre, gebildet, so hatte
er auch in der Aestetik selbst manche neue Entdeckung gemacht, und z.B. in
seiner Übersetzung des Erebillon'schen Radamist zuerst den französischen
Alexandriner in die italienische Sprache eingeführt. Er besaß ein ungeheueres
Gedächtnis, und wusste die meisten Dichter seiner Nation auswendig; er war ein
großer Matematiker und stellte tiefsinnige Kalcüls der höheren Analyse an. Mit
den Waffen in der Hand geschickt, auf dem Kampfplatz und in Ehrensachen mutig
und unerschrocken, dort Mars und hier Adonis an den Toilettentischen der Damen,
im Ballsaal graziöser Tänzer, im Laboratorium erfahrener Chemiker, auf der
Landstraße Ehrenretter bedrängter Frauenzimmer, im Walde Schatzgräber, am
Schmelztiegel Goldmacher, in den magischen Kreisen der Kabbala Eingeweihter, an
der Pharaobank ein unüberwindlicher Feldherr, wer zweifelt noch, dass in ihm das
perpetuum mobile der menschlichen Physik gefunden worden sei? Am meisten aber
ist an ihm dies zu bewundern, dass er sich selbst nie zum Ekel geworden. Doch die
Stärke seines Geistes, die Frische seiner Organe, die Dauer seines
