 Würfelspieler mit
den Formen des Lebens, ein Eingeweihter in die Tiefen des Daseins, ein
Abenteurer und ein Denker, in der Wollust und in der Wissenschaft gleich gelehrt
und gründlich das ist die Devise, welche ich unter das Bild dieses Jean-Jacques
setzen möchte, der ohne Zweifel die merkwürdigste Figur des geselligen Lebens
seines Jahrhunderts war.
    Der Alte küsste stillschweigend seinen Reliquienknochen.
    Man könnte Jean Jacques Kasanova den umgekehrten Jean Jacques Rousseau
nennen, fuhr ich fort, und zugleich beide Extreme in diesen Naturen sich wieder
berühren sehen. Rousseau, ein geistiger Wollüstling, durchschwelgte mit dem
feinsten Nervenäter seiner Seele das ganze Reich der Schönheit, das auf den
Höhen menschlicher Träume und Ideale blüht, und an der Schwelgerei des Geistes
nahmen unvermerkt auch seine Sinne lebendigen Anteil. Er stürzte sich in das
hohe Meer einer mächtig wogenden Geistigkeit, und blieb mit sophistischem
Lächeln auf einer grünen Insel der Sinnlichkeit sitzen. Kasanova, ein kräftiger
Sohn derber Wirklichkeit, wollte nur die schönen, reichen Formen der Welt
genießen, und des Körperlebens vollschwellende Reize sahen ihn schon früh mit
trunkenen Augen begehrlich an. Mit Keckheit und Grazie griff er nach Allem, was
ihn lockte, in der Nähe und in der Ferne; er trank sich satt und übersatt an den
weißen Brüsten der Sinnlichkeit, und unvermerkt nahm an der Schwungkraft der
Sinne auch sein Geist lebendigen Anteil. Er hatte mit den starken Fühlhörnern
seiner Sinne ausgegriffen nach allen Blütenstellen der sichtbaren Welt, und war
mit tiefsinnigem Erstaunen in einem Wunderblumenkelch geistiger Reflexion sitzen
geblieben. Er hatte sich an das Sichtbare weggeworfen, und im Unsichtbaren
wiedergefunden. Er fing an zu denken, zu philosophiren. Die Weltsünden wurden
Gedankenstoff. Der Weltmensch war transcendent geworden. Beide Jean-Jacques
schlugen nach den entgegengesetzten Polen ihres Wesens um, und doch, welcher
Kenner der menschlichen Natur wird zweifeln, dass diese Antipolarität eine
Verwandtschaftlichkeit, mithin eine Berührung der Extreme ist!
    Der Alte hatte schon wieder seinen Reliquienknochen geküsst. Er sagte, dass er
mich durchaus nicht verstehe. Ich sollte ihm einige nähere Umstände über den
Mann angeben.
    Da er mich durchaus nicht verstand, so konnte ich mich wohl, ohne zu
erröten, noch länger mit ihm über Kasanova unterhalten.
    Dieser außerordentliche Mann, fuhr ich fort, ist mein vielfältiges Studium,
meine Bewunderung und mein Nachdenken gewesen. Eine verdächtige Prüderie unseres
Zeitalters hat mit moralisirender Wegwerfung von seinen Memoiren gesprochen, und
die Polizei ist der Prüderie zu Hilfe gekommen, und hat in diesem und jenem
deutschen Staat das merkwürdigste aller Bücher verboten. Ein höherer Standpunkt
der Betrachtung bleibt dem Unbefangenen noch immer nicht benommen. In seinen
Lebensbekenntnissen ist nichts Absichtliches, nichts auf Wirkung, Beifall oder
Gunst Berechnetes; sie sind ihren hauptsächlichsten Bestandteilen nach aus
lauter körniger Wirklichkeit einfach zusammengesetzt
