 Leben.
Noch mehr bedauere ich Den, dem wohl sein kann in seinen heimatlichen Zuständen
heut, der eingesessen und zahmgesessen ist, und nicht jeden Augenblick sein
Bündel geschnürt hat, um abtrollen und ausmarschiren zu können. Die Treue gegen
die Scholle gilt nichts mehr, wenn die Scholle leibeigen macht den Geist. Man
kokettire nur nicht mit der Treue, damit man sich selbst nicht untreu werde,
denn ohne große Treulosigkeiten geht es einmal im Leben und in der Geschichte
nie ab. Die Völker verlassen ihre alte Liebe, und suchen sich neue Gesetze, und
durch die ganze Weltistorie geht ein Klagen und Weinen tausend verlassener
Geliebten, und es kümmert die Völker nicht. Und des Menschen Herz, wenn es sich
an ein Bild gehängt hat, muss sich blutig reißen, wenn die Scheidung kommt
zwischen dem Herzen und seinen Bildern, denn es muss geschieden sein! Aber Vieles
bleibt stätig und wird nur immer fester, hat es in der sich fortbewegenden Idee
sein Leben und sein Herz, und so sage ich: was sich bewegt, das ist ewig! Und
was ewig ist, bewegt sich. Siehe, was still steht und sich fertig wächst, ist
nur das Vergängliche an Körper und Seele der Menschen und der Staaten. Nur der
schlechte Teil an uns wird ein weiser Greis, nur das sterbliche Stück Leben
setzt sich am Ende zur Ruhe und kündigt sich als einen stabil gewordenen
Organismus an. Die Jugend wird nie klug, darum lebt der junge Mensch immer
weiter, und dieser ewig junge Mensch ist die ewige Geschichte. Und die Liebe
wird nie fertig, darum bewegt sie sich von Geist zu Geist herüber und hinüber
mit dieser starken Sehnsucht. Die innere Bewegung ist die wahre Treue der Liebe,
an dieser webt sie sich ämsig in alle Ewigkeit fort, und kennt eine andere
nicht. Du, wir lieben uns, weil sich unsere Geister mit und zu einander bewegen.
Du, Du, wir können nicht anders, weil Deine innerste Bewegung meine ist, und
meine Deine, und so bewegen wir uns, indem wir uns lieben. Du, Du, wir sind
jung, weil wir bewegen und lieben, und wir sind nicht weise, deshalb bewegen wir
uns ewig. Du, Du, ich bin Dir ewig treu, weil Deine Bewegung meine ist, und erst
wann Du mir das einmal antätest und zu mir sagtest: »alter, kluger, weise
gewordener und fertiger Mann!« und ich zu Dir sagte: »alte, kluge, weise
gewordene und fertige Frau!« dann würde es mit unserer Liebe vorbei sein, und
der treuloseste Mensch bin ich! Du, Du, ich bin Dir ewig treu! Du, Du, nimm Dich
in Acht,
