 geistreichen
Gespräch? Mich wenigstens beschleicht, bei all meiner soliden Liebe zur Kultur,
die mich an die Gesellschaft, an Menschen und an Bücher nur zu sehr fesselt,
doch oft eine unbändige Passion für die Wildnis, oder ich mache mir zum
Mindesten nichts daraus, dass ich mich cultivire. Es muss schön sein, eine
Zeitlang unter einem uncivilisirten Volke zu leben, und wenn die Lappländer nur
erst einen Buchhandel hätten, um, was ich schreibe, drucken und mir bezahlen zu
können, so nähme man dort die nächste Sommersaison wahr, und schriebe in
läppischer Ruhe über Staatsverfassung, Weltverbesserung und Zeitpolitik, denn im
Lappentum herrscht die größte Freiheit der Presse, und weder ein Lappe noch ein
Lump hat etwas dagegen, wenn man auffallende Gedanken hat. Es kommt mir auch so
vor, als fingen manche Richtungen dieser Zeit bereits an, ins Läppische
auszuwandern, um nur harmlos fortleben zu können, und so genießen die deutschen
Schriftsteller, welche notgedrungen das Schicksal ihres Schreibpapiers teilen
müssen, nur aus Lappen und Lumpen zu bestehn, statt aus kräftigen und freien
Gedanken, bereits die oben angedeuteten Freuden der Nichtcivilisation. Diese
Freuden lassen sich noch in einem andern Sinne zu reellen Vorteilen verdoppeln.
Denn wie manche leidige Gewohnheiten und manche leidige Tugenden, mit denen die
Kultur uns wie mit einem steifen Sonntagsaufputz behängt, würden wir uns wieder
wegcultiviren, wenn es nur erst Mode geworden wäre, dass die schöne Welt, statt
in den Bädern, in irgend einer soliden Barbarei einige Sommermonate verlebte.
Zuerst würden wir uns da die allzu große Höflichkeit zu unserm wahren Nutzen
wieder abgewöhnen. Denn wozu soll Höflichkeit gegen Barbaren? Wozu Komplimente
und schöne Redensarten gegen das Barbarische und mitten in der tiefsten
Barbarei? Traun, wir ließ uns allmälig darauf ein, dreist von der Leber
wegzusprechen, und bäten nicht mehr um Verzeihung, wenn wir anderer Meinung
sind, als unser Herr Nachbar. Auch unsere ausschweifende Gutmütigkeit ließ
wir über die Klinge springen, wenn unsere weichen Sitten sich durch etwas
erkleckliche Barbarei wieder gekräftigt hätten. Fürwahr, müssen wir uns nicht
oft schämen, dass wir doch gar zu erstaunlich gutmütig sind? Manche finden den
Menschen von Natur böse, ich finde ihn zu gutmütig. Was ertragen, was dulden
wir nicht Alles, mit wem gehen wir nicht um, gegen wen sind wir nicht
freundlich? Diesen faden Schwätzer hören wir an, und machen ihm noch einen
verbindlichen Diener dazu, und jagten ihn doch gern aus dem Hause. Unter diesen
Menschen sitzen wir still, und lassen uns etwas vorsingen und vorerzählen, und
sprechen traulich hin und her, und ab und zu, und möchten doch unser fremdes,
kaltes Herz, das nicht bei ihnen lebt, wie einen versteinernden Fluch
dazwischenwerfen in ihre gleissnerischen Kreise
