 Propheten
seid ihr gewesen, ihr St. Simonisten! sage ich. Denn wenn ihr predigt, Gott sei
Geist und Fleisch, so betet den menschgewordenen Gott in Christus an! Eure mit
unreinen Schlacken gemischte Lehre ist im Christentum längst und ursprünglich
als etwas Reines und in eine große Zukunft Hineindeutendes enthalten. Ich meine,
dass ich an eine Perfectibilität des Christentums glaube, ja dass ich sie weiß an
mir selbst. Das Christentum bedarf keiner künstlichen Umgestaltung, keiner
systematischen Revolutionen, aber es ist fähig einer Entwickelung bis in alle
Ewigkeit der Zeiten hinein. Aus den Kirchen, aus den Klöstern, aus dem
Kämmerlein der Betenden, hat sich das Christentum in die Geschichte hinein
entwickelt, und steht nicht mehr wie eine abgelegene Zelle der Andacht, in die
man sich vor dem Geräusch der Welt flüchten könne, da. Das Christentum ist
Geschichte geworden, es ist nicht mehr bloß ein Asyl der Armen und Kranken,
sondern es hat sich zu einem Welttempel der Völker ausgebaut. So erfüllt es die
Bedeutung, dass Gott in die Welt gekommen ist, immer mehr und mehr, denn diese
Verweltlichung Gottes durch das Christentum war nicht bloß ein einmaliger und
abgeschlossener Akt der Gnade, sondern eine unendlich sich wiederholende
Emanation. Diese unendlich fortdauernde Weltwerdung Gottes ist die
Entwickelungsfähigkeit in der Geschichte, und so ist Gott in der Geschichte ein
sich entwickelnder Gott. Und darum erweist sich das Christentum, das sich aus
der Kirche in die Geschichte hinein entwickelt, auch an allen fortwandelnden
Bewegungen der Weltzustande immer beteiligt und mitleidend, ja es bringt
dieselben hervor und wird zugleich von ihnen hervorgebracht. So kann und wird
das Christentum, gleichwie es früher die Religion der Disharmonie war, und eine
Spaltung der Lebenszustände begünstigte, nun auch eine harmonische
Bildungsepoche der Völker, die sich von allen Seiten mächtig vorbereitet, nähren
und tragen, ja erzeugen. Denn in einer Zeit, wo Geist und Welt gleich gewaltig
geworden sind und beide in den Strom einer Geschichte zusammenfliessen, lässt sich
nicht mehr feindlich trennen, was für die Verbindung geschaffen ist. Und das
Geschlecht fasst sich echt menschlich zusammen in der gesunden Einheit seiner
göttlichen und weltlichen Bestimmung, und vollbringt mit Freude und Ruhe die
Taten des Lebens. Mit Freude, mit Ruhe, denn Gott ist Welt geworden!
    Die starre Lehre eines großen deutschen Philosophen vom Diesseits ist aber
nicht die meinige. Zwar ist es ein bedeutender und hoch anzuschlagender Zug in
der Hegel'schen Philosophie, dass auch sie, gleich dem St. Simonismus,
gewissermaßen die Wiedereinsetzung des Fleisches gepredigt und dem Diesseits,
das früher nur als das Inhaltsleere gedacht wurde, seinen Inhalt zurückzugeben
getrachtet hat. Aber durch diese Philosophie wird dann auch sogleich ein
legitimes Reich des Gedankens auf Erden gestiftet, und das Diesseits ist
