 haben. Ein herrlicher, in dem grossartigsten Styl
erbauter Palast, aber er steckt voll von pöbelhaftem Radicalismus. Aus den hohen
Fenstern hängt an hölzernen Stangen zerlumpte Wäsche zum Trocknen heraus, und
durch das colossale Portal geht nichts als armseeliges Bettlergesindel, in
schmutzigen und dürftigen Gestalten, aus und ein. Ist das nicht ein Kontrast
verschiedenartiger Elemente in einem erhabenen Aristokratenschloss? Doch der Graf
hat es um Gottes willen getan. Mildtätigen Sinnes, hat er den Armen und
Bedürftigen seinen ganzen Palast zum Wohnen überlassen. Aber diese großartige
Verschmelzung von Aristokratie und Radicalismus hat etwas ungemein
Überraschendes und Nachdenkliches. Zugleich freut man sich darüber. Ich würde
mich auch freuen, wenn einmal eine Königstochter aus altem Hause einen wegen
demagogischer Umtriebe relegirten Studenten aus purem Mitleid heiraten wollte!
    Doch wo bin ich hingeraten? Oder wo bin ich? In den abenddunkeln Gängen von
St. Veit irre ich noch, dem Anschein nach ein in sich selbst versunkener
Frommer, auf und nieder, und von draußen höre ich den starken Regen auf die
Steine herabschlagen. Ich erbange und werde unruhig in dem einsamen
menschenentleerten Dom, dessen hohe Säulen, wie alte Mystiker mit schwarzen
Bärten, sich immer schauerlicher in die wachsende Dämmerung einspinnen. Meine
beständige Sehnsucht nach den Gestalten dieser Welt befällt mich mit
unverholener Wehmut, und es brechen plötzlich in meiner Brust die Schleusen
unstillbarer Schmerzen auf. Kein Laut wird um mich her wach; nur hier und da
noch eine einzelne Gestalt, an einem Pfeiler lehnend, oder mit leiser Bewegung
an mir vorbeischwebend. Die Perspective ins Jenseitige, die zuvor an der
gotischen Baukunst dieses Domes meinen Gedanken sich aufgetan, wird jetzt auf
Einmal zu einem großen Gefühl der Trauer tief in mir innen. Das ferne Jenseitige
hilft mir nicht, und das nahe Diesseitige kann mir nicht genügen. Und Christus
sagt, sein Reich sei nicht von dieser Welt, und doch ist er zu uns gekommen, und
ist selber Welt geworden. Gott hat sich aus Liebeslust ins Fleisch getaucht, und
das Fleisch dieser Welt ist geheiligt worden, indem es Gott wurde. So blüht
Gottes Reich überall auf der Erde, aber es ist dennoch, wie Christus verkündet,
nicht von dieser Welt, das heißt: nicht von der Welt, wie sie als das von der
Jenseitigkeit abgetrennte und in sich verlorene Diesseits hier dasteht. Das
Diesseits, welches ohne das Jenseits ist, trägt aber noch den ganzen uralten
Fluch des Fleisches auf seinem ungesegneten Haupte, sowie die Erde, welche ohne
die Sonne finstrer Klumpen der Materie wäre, ohne sie auch keine Wendepuncte der
Bewegung hätte, um sich durch Schwingung zu erhalten, und durch Licht und Farbe
zu wärmen und zu kleiden. Und die Sonne, mit ihren Alles bewegenden
Weltstrahlen, bewegt auch den Klumpen
