 mit ihnen
fortstürzt. Und die Sitte ist das Auge, mit dem sie sich gegenseitig anblicken.
Das Auge ist die Jungfrauschaft der Seele, und wenn es sich zu Dir aufschlägt,
und Du tief in seinen Grund schauest, wird Dir heilig zu Mute. Weil die
Menschen sich in die Augen sehen, haben sie Ehrfurcht vor einander, und für
Jeden liegt in dem Andern ein leises Geheimnis da, das er achten muss. Die
Ehrfurcht der Augen ist die Sitte, sie ist ein zartes Geheimnis, wie der Blick.
Wie dieser, trifft sie auf den feinsten Zusammenhang des Lebens, und spricht ihn
aus. Wenn die Treue der Hand die Menschen an einander bindet in
festverschlungenen Gruppen, so gießt das Auge der Sitte holdseeliges Licht der
Schönheit aus über den Bund. Die Hand, die vielgefurchte, an der Arbeit des
Tages oft erprobte, immer in den Stoffen des Lebens wühlende, sie ist wichtig
für menschliches Sein und Tun. Sie schließt Verträge, bejaht mit ihrem Druck
die Bündnisse der Liebe, schwört mit emporgehobenen Fingern zu Gott, sagt guten
Tag und guten Weg zu den Nachbarn und zu den Freunden. Die Hand gehört den
Notwendigkeiten des Lebens an, aber das Auge ist ein freies Strahlen von
Poesie. Die Sitte ist die Poesie der menschlichen Gesellschaft, sie ist der Adel
der Form, die Verklärung der Gewohnheit, die Juwelenfassung des Umgangs, und die
Ehrwürdigkeit der Überlieferung. Und der Kopf sieht ernstaft darein, und lässt
sich durch nichts bestechen, und durch nichts beugen, wenn er Recht hat. Das
Recht ist der Matematiker des Lebens, es urteilt streng nach dem Buchstaben,
und misst genau Winkel an Winkel, Größe an Größe ab. Aber das genau gemessene
Leben wäre tot, wenn nicht das Auge hineinlächelte, und die Hand es
zusammenhielte. Und so bewegen sich die Menschen mit Kopf, Hand und Auge, und
ihr Dasein steht in Flor, und ihre Städte regen sich, und tragen Frucht und
Blume. Und so verbinden sich die Menschen mit Recht, Treue und Sitte, die, wie
das Weichbild ihrer Städte, einen heiligen Kreis um ihr Zusammenleben schließen.
Das ist die Freiheit der Städte, das ist der Gottesfrieden der Häuser!
    Mögen die Städte blühen und gesegnet sein, ich liebe die Städte! Ich liebe
Städte und Häuser.
    Städte, Häuser, Straßen, Brücken, und das Volk dazu, welche großartige
Malerei für einen Menschenfreund! Keine Naturmalerei, mit ihren Abendröten und
Purpurwolken und allem Farbenschmelz der Täler, keine Elegie und keine Hymne
der Landschaft, reicht an dies hochdramatische Schauspiel der Städte hinan. Komm
näher, Stadt, und empfange den Wandrer in Deinen zutraulich winkenden
Ringmauern. Nimm ihn auf recht in die Mitte der menschlichen
