 sie combiniert nicht, wie der Staat, die Familie, die
Religion, die Sitten und das Herkommen combinieren, sondern revolutionär. Die
poetische Wahrheit offenbart sich nur dem Genius. Dieser lauscht niedergestreckt
auf den Boden der Wirklichkeit und hört, wie in den innersten Getrieben der
Gemüter eine embryonische Welt mit keimendem Bewusstsein wächst. Wer auf seine
Entwickelung lauscht, muss sich oft gestehen, dass ganze Gedichte in ihm sich
zusammenreimen aus Motiven, welche die Außenwelt niemals anerkennen würde. Dies
sollte nicht auch Wahrheit sein? Dies sollte den Dichter nicht entzücken? Die
Alten und die Mittleren schufen in dieser Weise nicht: aber die Modernen werden
es. Ihre Historien sind nicht die Sage oder Geschichte, sondern die Ideen, die
im Schoße der still wirkenden und schaffenden Gottheit schlummern. Die Welt, wie
sie ist, wird ihren Gebilden nicht entsprechen; diese werden dem nüchternen
Vorwurfe der Unwahrheit und Unwahrscheinlichkeit ausgesetzt sein. Aber noch
immer ging das Genie seinem Jahrhunderte voraus.
    Zwei Tatsachen möcht' ich aus obigem folgern: die beide weniger literarisch
als historisch sind.
    Wenn man in Anschlag bringt, dass entschieden schon in der französischen
Literatur, ohne alle Widerrede auch bei uns allmählich eine Poesie der ideellen
Wahrheit und reellen Unwirklichkeit sich zu entfalten beginnt, wenn man diese
Frauengebilde betrachtet, welche die Phantasie der jetzigen begabteren Dichter
erfindet, diese originellen Situationen und allem Herkommen widersprechenden
Sitten; sollte man diese Erscheinung nicht für beziehungsreich halten für unser
zukünftiges Leben, für die Existenz in der Wirklichkeit, für die weite Unterlage
der Masse und des allgemeinen Glaubens? Es ist wahr, die Dichter fangen an, auf
immer luftigeren Bahnen zu wandeln: sie schaffen sich ihre eignen Welten mit
Tronen, die ihre Phantasie erbaute, mit Richterstühlen, die ihre eigne
Gesetzgebung haben, mit einem Gottesdienst, dessen
    Priester nur noch die kleine Gemeinde selbst ist. Es baut sich eine Wahrheit
der Dichtung auf, der in den uns umgebenden Institutionen nichts entspricht,
eine ideelle Opposition, ein dichterisches Gegenteil unsrer Zeit, das einen
zweifachen Kampf wird zu bestehen haben, einmal einen gegen die Wirklichkeit
selbst als konstituierte Macht mit physischer Autorität, sodann einen gegen die
Poesie der Wirklichkeit, welche so viel Dichter und so viel Kritiker für sich
hat.
    Dies ist ein Symptom unsrer Zeit, aus dem wir bis jetzt noch keinen weitern
Schluss ziehen wollen als einen, der vielleicht außerhalb der Literatur liegt,
den ich aber nicht verschweigen will, weil jedes, was die Menschheit ehrt, auf
den Lippen des Entusiasten brennt. Man verwirft mit Recht das Experimentieren
mit der Menschheit, aber man geht darin weiter, als man darf, ohne die
Menschheit zu beleidigen. Wir fürchten uns, den Zeitgenossen etwas zu entziehen,
wovon wir uns einbilden, dass es zu
