 ewigen
Lebens anweist. Die Religion der Entsagung mag für Jahre passen, wo die Ernte
nicht geraten ist; aber wo Fülle und Verschwendung rings ihre Feste feiern, da
murrt die Menschheit über eine Religion, welche immerfort an das Sichschicken,
an die Demut, an den Ratschluss Gottes appelliert. Von dieser Seite des
Christentums überhaupt, die sich dem Zeitgeiste entgegenstellt, kann nicht mehr
die Rede sein. Der Unterschied zwischen den beiden Bekenntnissen ist der, dass
der St. Simonismus das Christentum antiquiert und durch einige materielle
Philosopheme nebst kirchlichen, freilich dem alten Glauben entnommenen
Institutionen zu ersetzen sucht, die »Worte eines Gläubigen« dagegen auf den
demokratischen Ursprung des Christentums zurückgehen und unverhohlen eine
republikanische Tendenz desselben aussprechen. Der St. Simonismus will den Staat
von der Kirche, die »Worte eines Gläubigen« wollen die Kirche vom Staate
befreien. Jener weist auf die Zukunft, diese auf die Vergangenheit. Beide aber
kränkeln an ähnlichen Gebrechen: der St. Simonismus an der Philosophasterei: La
Mennais am Katholizismus. Wie soll man in der Kürze über beide Tendenzen
urteilen? Beide sind keine Revolutionen, aber sie sind Symptome. Der St.
Simonismus verrät ein Bedürfnis der Menschheit: die »Worte eines Gläubigen«
suchen es zu befriedigen, aber sie befriedigen es nur zur Hälfte.
    Ich habe die Tatsachen der Vergangenheit verfolgt und breche da ab, wo
alles, was nun kommen muss, nicht so von mir vorgezeichnet werden kann, sondern
in die Hand der Zeitgenossen gegeben ist. Lasst mich an einem Orte innehalten,
den wir selber auszufüllen haben, bei jenen weißen Blättern der Geschichte, die
hinfort von uns beschrieben werden sollen!
    Ich höre draußen ein simultanes Glockengeläut: katholische und
protestantische Töne. Es ist Pfingsten, ein Fest, wo man zwar nicht mehr
plötzlich wie einst in Jerusalem gut Englisch, Spanisch und Sanskrit lernt, was
mir sehr lieb wäre: wo aber der Heilige Geist auf alle Welt ausgegossen wurde.
Wir leben in der Zeit des Heiligen Geistes, von dem Christus selber sagt, dass er
uns in alle Wahrheit führen und freimachen würde. So scheint es sogar jener Mann
gewusst zu haben, dass die Geschichte immerdar ihre eigne Autorität bleibt, dass
der Weltgeist rastlos wirkt und in uns schafft und die Wahrheit zuletzt nur der
Gottesdienst im Tempel der Freiheit ist. Wir werden keinen neuen Himmel und
keine neue Erde haben; aber die Brücke zwischen beiden, scheint es, muss von
neuem gebaut werden.
Es schlug Mitternacht, als Wally das saubergeschriebene Heft durchlesen hatte.
Die Wachskerze war tief heruntergebrannt, ihre Augen glühten, sie hatte Tränen
nötig, um den heißen Brand zu löschen. Aber die Tränen kamen nicht. Sie saß da,
versteinert wie Niobe, der man das Liebste
