- und hersträuben, praktisch aber sich immer wieder in ihren
homiletischen Schleim verstecken.
    Schelling und Hegel, jener von katholischer, dieser von protestantischer
Seite, stellten den letzten Versuch an, die Philosophie mit der Offenbarung in
Einklang zu bringen. Schelling übertrug allerhand Analogien des Naturprozesses
auf die Geheimnislehren des Christentums: er wusste Opfer, Menschwerdung usf.
durch witzige Bilder von s der Phantasie annehmlich zu machen. Hegel
stützte sich auf den Geschichtsprozess, auf die innerlichen Ruhemomente seiner
metaphysischen Logik, deren ganzes Schema allein schon den Begriff der Trinität
ausdrückte. Hegels Philosophie scheint mir auch wahrlich die einzige, die
imstande ist, das Christentum zu beurteilen. Ihr Standpunkt ist der historische.
Sie bringt einen Schematismus in die Begebenheiten, welcher den innern und
äußern Sinnen wohltut. Wodurch ist auch das Christentum eine so imposante
Erscheinung? Durch seine historische Stellung. Hegel hat die Verschiedenheit der
Zeiten immer vortrefflich charakterisiert und das Eigentümliche des Christentums
darin gefunden, dass sich logische und historische Begriffe daran akkommodieren
lassen. Aber mehr gelang ihm nicht. Seine Philosophie des Christentums konnte
nur da erst anfangen, als die Entwicklung der christlichen Lehre zu Ende war.
Hegels Maßstab ist überall die Vergangenheit. Seine Erklärungen sind typischer
Art, seine Philosophie ist eine Auslegung. Schelling und Hegel stehen an der
Spitze jenes christlichen Dilettantismus, der aus künstlerischen Interessen sich
mit verstopftem Ohre in eine grundlose Flut versenkt. Das Christentum selbst muss
dabei seinen Kredit verlieren, wenn nur noch Dichter, Grübler, Künstler,
verzweifelte und polizeilich beaufsichtigte Menschen sich für die Erklärung
seiner Satzungen interessieren. Der gesunde Teil der Menschheit wird in eine
andere Strömung des stürmenden Weltgeistes gerissen werden.
    Unser Zeitalter ist politisch, aber nicht gottlos. Wie gern verbände es die
Freiheit der Völker mit dem Glauben an die Ewigkeit! Aber unchristlich ist unser
Zeitalter, denn das Christentum scheint sich überall der politischen
Emanzipation in den Weg zu stellen. Daher jene merkwürdigen Erscheinungen,
welche die neuere Zeit auf dem Gebiete, man weiß nicht, soll man sagen, der
Politik oder der Religion hervorgebracht hat. Überall Sektengeist,
Religionsstifter, Religionen auf Aktien, Religionen auf Subskription, jede
Religion, nur kein Christentum. Man spricht von Priestern, von einer Teokratie,
von Gottesdienst, nur nichts Christliches. Es ist erstaunenswert, dass diese
Dinge in Frankreich auftauchen, in einem Lande, das für Europa die Mission der
Freiheit hat, in einem Lande, das in der neueren Geschichte für alle Fragen der
Kultur die Initiative übernommen zu haben scheint. Wir reden hier vom St.
Simonismus und den »Worten eines Gläubigen«.
    In diese beiden Bekenntnisse ist zuerst die Anerkennung der politischen
Tendenz des Jahrhunderts niedergelegt. Man hat hier die Unverschämtheit
vermieden, welche die hungernden Arbeiter auf das himmlische Brot des
