 hinzukam, alle diese Märchen zu erklären und in einen
dogmatischen Zusammenhalt zu bringen, waren die Unterscheidungen zwischen
physischer und psychischer Natur, zwischen Fleisch und Geist, zwischen dem
Gesetz und der Freiheit. Wahrlich, eine Religion musste diese Einfachheit haben,
um so um sich zu greifen, wie es das Christentum tat!
    Das Christentum ist eine Religion der Persönlichkeit. Moses war doch nur der
Sendling Gottes, Muhamed Allahs Prophet, sie ließ sich keine göttliche Ehre
erweisen! Seht hier eine Religion, deren unwillkürlicher Stifter von einigen
verworrenen Köpfen mit Gott selbst verwechselt wurde, eine Religion, die nichts
für ihren Gegenstand und alles für ihren ersten Priester tut! Jede allgemeine,
jede Weltreligion muss unabhängig von irgendeinem Namen sein, und im Christentum
ist man heute noch nicht einig, welche Ehre Gott, welche Jesu gebührt. Welch ein
Glaube! Wir sind nicht ohne Poesie, wir schwärmen gern, weil wir in jedem Hauche
der Natur einen Kuss der Gottheit wähnen, und würden recht unglücklich sein, wenn
wir nicht zuweilen auf unsern herben Lebenswein ein Rosenblatt der Illusion
legen dürften, ein Rosenblatt, das uns in den Mund kommt und zu trinken hindert
und das wir doch nicht missen möchten. Aber hier überschreitet eine Zumutung die
Linie des Erträglichen. Das Christentum wurzele nicht in Jesu Lehre, sondern in
seinem Leben: nicht die Liebe sei es, sagen sie, die er im Abendmahle eingesetzt
habe, sondern sein Fleisch und Blut, seine eigne Persönlichkeit, die nun
immerdar solle gegessen und getrunken werden. Auf die individuellen Begegnisse
eines unglücklichen Menschen wird eine Religion gebaut, eine Dogmatik, die sich
nicht um die Worte seines Mundes kümmert, sondern seine Fusstapfen als
Paragraphenzeichen nimmt, seine Nägelmale als Kapiteleinschnitte: kurz, das
Christentum ist eine Religion, die auf eines Menschen körperlichen Verrichtungen
und Leiden gegründet ist, eine Religion, die das objektive Evangelium eines
Menschen predigt. Armer Rabbi von Nazaret! Statt dass sie weinen sollten über
dein wehmütiges Schicksal, freuen sie sich deines Todes und haben ihn lachendes
Mutes im Munde! Die Kreuzigung Jesu wird gar nicht mehr historisch
nachempfunden; sondern da alles in des unglücklichen Mannes Leben typisch und
als Notwendigkeit gedeutet wird, so geht die Teilnahme und das Mitleiden
gleichgültig an dem Schmerze vorüber und sieht am Karfreitage immer nur Ostern,
bei einem Sterbenden eine grausame Hand, die ihm das Kissen unterm Kopfe
wegzieht, damit er schneller sterbe, damit er schneller auferstünde! Das
Kruzifix ist eine Zierat geworden, die man im Ohre hängen hat.
    Die große, imponierende Gewalt des Christentums liegt in seiner
weltistorischen Ausdehnung. Nicht, dass ich dieser Lehre die Umgestaltung
Europas zuschriebe, nicht, dass ich so ungerecht gegen Gott wäre und behauptete,
er habe ohne die verworrenen Ideen einiger palästinensischer
