 jene
unschuldige Seligkeit, die sie an ihm noch nie gekannt hatte und die er damals
zeigte, als sie einige aus seinen zuckenden Lippen schleichende Worte mit so
pedantischer, altkluger Entrüstung aufnahm. Schon im nächsten Augenblicke, als
sie gegangen war, war sie sich mit ihrer Tugend recht abgeschmackt vorgekommen.
    Wally fühlte bald, dass Cäsar an das Unsittliche seines Antrags im Momente
nicht gedacht hatte. Sie machte sich den Vorwurf, diese Überlegung an dem Manne
nicht abgewartet zu haben. Auch musste sie sich gestehen, dass Cäsar ihr
vielleicht nie das Prekäre der Situation eingeräumt haben würde. Jetzt wusste
sie, worin der ganze Zauber liegt. Sie fühlte, dass das wahrhaft Poetische
unwiderstehlich ist, dass das Poetische höher steht als alle Gesetze der Moral
und des Herkommens. Sie fühlte auch, wie klein man ist, wenn man der Poesie sich
widersetzt. Ach, das quälte sie, untergeordnet zu sein und weniger unschuldig im
Grunde als die Poesie, die Menschen braucht und schildert!
    Wally schlug die rührende Geschichte nach, die ihr Cäsar erzählt hatte. Sie
weinte mit Sigunen, sie kostete die Unschuld, die in dem Verlöbnis der beiden
Liebenden des Gedichtes lag, allmählich immer tiefer. Es liegt in der Schönheit
der Natur eine göttliche Gewalt, die bezaubert. Wally beugte und wand sich mit
all ihren schönen Grundsätzen und den Lehren, die sie ihrer Erziehung, ja selbst
ihrer vernünftigen Überlegung verdankte, vor dem Ideale des Naturschönen. Sie
ging noch weiter. Sie gab die Natur auf, sie hielt sich an die Kunst, an das
Gebilde der Phantasie, das in sich abgerundet und hier so richtig gezeichnet war
wie jeder logische Zirkel ihrer tugendhaften Entschlüsse. Sie kam sich
verächtlich vor, seitdem sie fühlte, dass sie für die höhere Poesie kein
Gegenstand war. So konnte es nicht mehr fehlen, dass sie sich bald selbst dazu
machte.
    Wie oft war sie Cäsarn begegnet! Er blickte stolz! Er hatte eine Moral, die
über der ihren war! Er konnte das Auge erheben, das Ideale hub es in ihm! Wally
konnte nicht stolz sein, an ihr schien die Reihe der Scham zu sein. Sie
fürchtete sich vor Cäsar. Ihre ganze Tugend war armselig, seitdem sie ihm
gleichsam gesagt hatte, die Tugend könne nur in Verhüllungen bestehen, die
Tugend könne nicht nackt sein. Cäsar hatte an ihr den poetischen Reiz verloren.
Er übersah sie.
    Ob es wohl Menschen gibt, dachte Cäsar eines Tages bei sich selbst, welche
die Literatur und das, was dem Leben durch sie an schönen Elementen und
Staffagen gegeben wird, für eine Tyrannei und eine despotische Willkür der
Dichter und Künstler halten? Wär' ich selbst Autor, so würde mich dieser Gedanke
erschrecken. Ich
