
        
                                  Karl Gutzkow
                             Wally, die Zweiflerin
  - Des Friedens Wund' ist Sicherheit,
 Sorglose Sicherheit; doch weiser Zweifel
 Wird Leuchte der Vernunft, des Arztes Sonde,
 Der Wunde Grund zu prüfen.
                                                                     Shakespeare
 
                                  Erstes Buch
                                        1
Auf weißem Zelter sprengte im sonnengolddurchwirkten Walde Wally, ein Bild, das
die Schönheit Aphroditens übertraf, da sich bei ihm zu jedem klassischen Reize,
der nur aus dem cyprischen Meerschaume geflossen sein konnte, noch alle
romantischen Zauber gesellten: ja selbst die Draperie der modernsten Zeit fehlte
nicht, ein Vorzug, der sich weniger in der Schönheit selbst als in ihrer
Atmosphäre kundzugeben pflegt. Welche natürliche und ihr doch so vollkommen
gegenwärtige Koketterie auf einem Tiere, von dem sie wahrscheinlich selbst nicht
wusste, dass es blind war! Wally gab sich das Ansehen, als wäre sie mit ihrer
Situation verschwistert; aber nichts ist so reizend, als wenn durch irgendeine
fast gelungene Affektation, durch die ganze Haltung eines innerlich mehr
reflektierten wie angeborenen Wesens einige kleine Lichtritzen schimmern und für
den Mann, welcher sie sehen kann, die versteckten Erleichterungen einer sich
einbohrenden Neigung werden. Aber von den zahlreichen Kavalieren, welche Wally
umgaben, sah diese kleinen Lücken der Furcht edler Weiblichkeit niemand. Jene,
die Lücken der Furcht, kannte vielleicht der Jockei, der auch wusste, dass die
weiße Stute blind war. Aber die übrigen hingen nur wie der Eisenfeilstaub am
Magnet, wie die Nachahmung am Genie, wie das Ordinäre am Wunderbaren.
    Am Wege schritt, wie es beim Temperamente sich von selbst versteht, im
Zweivierteltakte Cäsar, ein Mann, der imstande war, eine solche Gruppe wie die
vorbeisprengende im Nu zu übersehen und jede darin waltende Figur so zu
isolieren, dass er sie alle verarbeitete und an seiner eigenen Individualität
zerrieb. Kennt ihr diese genialen Charaktere, welche durch ihr Schweigen immer
mehr ausdrücken, als wenn sie reden, die nur ihr rollendes, siegendes Auge in
die Gesellschaft bringen dürfen und jede Persönlichkeit darin absorbieren in
eine Huldigung, die ihnen wird ohne ihr Verlangen? Cäsar stand im zweiten
Drittel der zwanziger Jahre. Um Nase und Mund schlängelten Furchen, in welche
die frühe Saat der Erkenntnis gefallen war, jene Linien, die sich von dem
lieblichsten Eindrucke bis zu dämonischer Unheimlichkeit steigern können. Cäsars
Bildung war fertig. Was er noch in sich aufnahm, konnte nur dazu dienen, das
schon Vorhandene zu befestigen, nicht zu verändern. Cäsar hatte die erste
Stufenleiter idealischer Schwärmerei, welche unsre Zeit auf junge Gemüter
eindringen lässt, erstiegen. Er hatte einen ganzen Friedhof toter Gedanken,
herrlicher Ideen, an die er einst glaubte, hinter sich: er fiel nicht mehr vor
sich selbst nieder und ließ seine Vergangenheit die Knie seiner Zukunft
umschlingen und sie beten: Heilige Zukunft, glühender Moloch,
