 älteste drei Jahr und das
jüngste sechs Monate ist. Sie ist nah an siebzig Jahre und geht an Krücken; im
vorigen Jahr war sie noch rüstig, erzählte sie, und hatte vom Schulmeister den
Dienst, die Glocken zu läuten, weil die Kirche höher lag wie das Dorf und näher
an der alten Burgruine; ihr Sohn war Zimmermann, er ging in der kalten
Weihnachtszeit in den Wald, um Holz zu fällen und zum Bau zu behauen, er kam
nicht wieder, - er war erfroren im Wald. Da man ihr die Nachricht brachte, ging
sie hinab in den Wald, um ihn noch einmal zu sehen, und da fiel sie zusammen und
erlahmte, man musste sie wieder die steilste Anhöhe hinauftragen, von der sie nun
nicht wieder herabkommt. »Ich sehe alle Abend die Sterne, die auf mein Grab
scheinen werden, und das freut mich«, sagte sie, »ich habe Friede geschlossen
mit allen Menschen und mit allem Schicksal, der Wind mag brausend daherfahren,
wie in der Bibel steht, und den alten Eichen den Hals umdrehen, oder die Sonne
mag meine alten Glieder erwärmen, - ich nehme alles dahin. Friede mit allen
Dingen macht den Geist mächtig - der wahre Friede hat Flügel und trägt den
Menschen noch bei Leibes Leben hoch über die Erde dem Himmel zu, denn er ist ein
himmlischer Bote und zeigt den kürzesten Weg; er sagt, wir sollen uns nirgendwo
aufhalten, denn das ist Unfriede; der grade Weg zum Himmel ist Geist, das ist
die Straße, die hinüber führt, dass man alles versteht und begreift, wer gegen
sein Schicksal murrt, der begreift es nicht, wer es aber in Frieden dahinnimmt,
der lernt es auch bald verstehen; was man erfahren und gelernt hat, das ist
allemal eine Station, die man auf der Himmelsstrasse zurückgelegt; ja, ja! Das
Schicksal des Menschen enthält alle Erkenntnis, und wenn man erst alles
verstanden hat auf dieser irdischen Welt, dann wird man ja doch wohl den lieben
Gott können begreifen lernen. Niemand lernt begreifen, denn durch Eingebung vom
heiligen Geist; durch eigne Offenbarung lernt man fremde verstehen; - ich
erkenne gleich in jedes Menschen Herz, was ihn sticht und was ihn brennt, und
weiß auch, wann die Zeit kommt, die ihn heilt; ja ich muss noch täglich weinen
über meinen lieben Sohn, der erfroren ist, aber weil ich weiß, dass er die
irdische Straße zurückgelegt hat, so hab ich nichts dawider, ich lese auch
täglich in diesem Buch, da stehen diese großen Wahrheiten alle geschrieben.« Sie
gab uns einen alten Gesang zu lesen: »O Herr! Du führst mich dunkle Wege, am
Ende aber seh ich
