 bedingt er schon die
Zukunft. Wer Ansprüche an die Zukunft macht, wer der Zeit voraneilt, wie kann
der der Zeit unterworfen sein?
    Ich habe bemerkt an den Bäumen, immer ist hinter dem abwelkenden Blatt schon
der Keim einer zukünftigen Blüte verborgen; so ist auch das Leben im jungen,
frischen, kräftigen Leib die nährende Hülle der Geistesblume; und wie sie welkt
und abfällt in der irdischen Zeit, so drängt sich aus ihr hervor der Geist als
ewige himmlische Blüte.
    Wenn ich im späten Herbst im Vorübergehen das tote Laub von den Hecken
streifte, da sammelte ich mir diese Weisheit ein; ich öffnete die Knospen, ich
grub die Wurzeln aus, überall drängte sich das Zukünftige aus der gesamten Kraft
des Gegenwärtigen hervor; so ist denn kein Alter, kein Absterben, sondern ewiges
Opfern der Zeit an das neue junge Frühlingsleben, und wer sich der Zukunft nicht
opferte, wie unglücklich wär der! -
                                     * * *
Zum Tempeldienst bin ich geboren, wo mir nicht die Luft des Heiligtums
heimatlich entgegenweht, da fühl ich mich unsicher, als hab ich mich verirrt.
    Du bist mein Tempel, wenn ich mit Dir sein will, reinige ich mich von des
Alltäglichen Bedrängnis wie einer, der Feierkleider anlegt; so bist Du der
Eingang zu meiner Religion.
    Ich nenne Religion das, was den Geist auf der Lebensstufe des Augenblicks
ergreift und im Gedeihen weiter bildet wie die Sonne Blüten und Früchte. Du
siehst mich an wie die Sonne und fächelst mich an wie der Westwind, unter
solchen Reizungen blühen meine Gedanken.
    Diese Lebensepoche mit Dir zieht eine Grenze, die das Ewige umfasst, weil
alles, was sich innerhalb ihrer bildet, das Überirdische ausspricht, sie zieht
einen Kreis um ein inneres Leben; nenne es Religion, Offenbarung, über alles,
was der Geist Unermessliches zu fassen vermag!
    Was wacht, das weckt! Gewiss, in Dir wacht, was mich weckt. Es geht eine
Stimme von Dir aus, die mir in die Seele ruft. - Was durch diese Stimme geweckt
wird, ist Geheimnis; erwachtes Geheimnis ist Erleuchtung.
    Manches sehe und fühl ich, was schwer ist auszusprechen. Wer liebt, lernt
wissen, das Wissen lehrt lieben, so wachse ich vielleicht in die Offenbarung,
die jetzt noch Ahnung ist. Ich habe das Gefühl von dem Zeitpunkt an, wo mir's so
freudig in die Sinne kam, meine Gedanken, mein geistiges Leben in Deinen Busen
zu ergießen, als habe ich mich aus tiefem Schattental erhoben in die sonnigen
Lüfte.
                                     * * *
In dem Garten, wo ich noch als Kind spazierte, da wuchs die Jungfrauenrebe hoch
empor an plattem Gestein. Damals hab ich oft ihre kleine Samtrüssel betrachtet,
mit denen sie
