 sie schifft mich auf ihren hohen stolzen Wellen, weit über
die Grenze des gemeinen Begriffs, den wir Verstand nennen, und weit über den
Beruf der irdischen Lebensbahn, auf der wir unser Glück suchen.
    Wie schön, dass die Weisheit der Liebe wirklich meine Träume beherrscht, dass
der Gott das Steuer lenkt, wo ich keinen Willen habe, und mich im Schlaf da
hinüberschifft zum Ziel, um das ich, es zu erreichen, immer wachen möchte. Warum
träumst Du nicht auch von mir? Warum rufst Du mich nicht an Deine Seite? Warum
mich nicht in Deinem Arm halten und freundlich Deinen Blick in meinen tauchen?
    Du bist ja hier; diese sonnigen Pfade, sie schlingen sich durcheinander und
führen endlich auch zu Dir, o wandle auf ihnen; ihre labyrintischen
Verkettungen: sie lösen sich vielleicht auf, da, wo Dein Blick den meinen
trifft, wie das Rätsel meiner Brust, da, wo Dein Geist den meinen berührt.
                                     * * *
Heute las ich in diesen Blättern; lauter Seufzen und Sehnen.
    Wie würde ich beschämt vor Dir stehen, wenn Du in diesem Buch läsest! So
bleibt es denn verborgen und nur zu eigener Schmach geschrieben? - Nein, ich muss
an Dich denken und glauben, dass dies alles einmal an Deinem Geist vorüberzieht;
wenn es auch manchmal in mir ist, als wollt ich Dich fliehen; Dich und diese
seltsame Laune der Sehnsucht; Laune muss ich sie nennen, denn sie will alles und
begehrt nichts. Aber dieses Abwenden von Dir wird doppelter Reiz; da sprengt
mich's hinaus, die Berge hinan, noch im ersten Frührot, als könnt ich Dich
erjagen, und was ist das Ende? Dass ich mich wieder zum Buch wende. Nun, was
hat's denn auf sich? Die Tage gehen vorüber so oder so, und was könnt ich
versäumen, wenn ich in diesen Blättern mich sammle?
                                     * * *
Heute war ich früh draußen, ich ging den ersten Feldweg, die Feldhühner
schreckten vor mir auf, so früh war's noch; die Wiesen lagen da im Morgenglanz,
übersponnen mit Fäden, an denen die Tauperlen aufgereiht waren.
    Manchmal hält die Natur Dir die Wage, und ich empfinde die Wahrheit der
Worte: »Weg du Traum, so gold' du bist, hier auch Lieb und Leben ist.« So ein
Gang, wenn ich wieder unter die Menschen komme, macht mich einsam.
    Ach, die zahmen Menschen, ich verstehe ihren Geist nicht. Geist lenkt, er
deutet, er fliegt voran auf immer neuen Wegen oder er kommt entgegen wie die
Leidenschaft und senkt sich in die Brust und regt sich da. Geist ist flüchtig
wie Äther, drum sucht
