 begnügen können, dass ihr starker
Geist auch wichtige und tüchtige Begebenheiten habe verdauen wollen, und dass ihr
dies auch in vollem Masse begegnet sei, sie sei nicht allein um ihres Sohnes
willen da, sondern der Sohn auch um ihrentwillen; und sie könne sich wohl ihres
Anteils an Deinem Wirken und an Deinem Ruhm versichert halten, indem sich ja
auch kein vollendeteres und erhabeneres Glück denken lasse, als um des Sohnes
willen allgemein so geehrt zu werden; sie hatte recht, wer braucht das noch zu
beleuchten, es versteht sich von selbst. So entfernt Du von ihr warst, so lange
Zeit auch: Du warst nie besser verstanden als von ihr; während Gelehrte,
Philosophen und Kritiker Dich und Deine Werke untersuchten, war sie ein
lebendiges Beispiel, wie Du aufzunehmen seist. Sie sagte mir oft einzelne
Stellen aus Deinen Büchern vor, so zu rechter Zeit, so mit herrlichem Blick und
Ton, dass in diesen auch meine Welt anfing, lebendigere Farbe zu empfangen, und
Geschwister und Freunde dagegen in die Schattenseite traten. Das Lied: »O lass
mich scheinen, bis ich werde« legte sie herrlich aus, sie sagte, dass dies allein
schon beweisen müsse, welche tiefe Religion in Dir sei, denn Du habest den
Zustand darin beschrieben, in dem allein die Seele wieder sich zu Gott schwingen
könne, nämlich ohne Vorurteile, ohne selbstische Verdienste aus reiner Sehnsucht
zu ihrem Erzeuger; und dass die Tugenden, mit denen man glaube, den Himmel
stürmen zu können, lauter Narrenspossen seien, und dass alles Verdienst vor der
Zuversicht der Unschuld die Segel streichen müsse, diese sei der Born der Gnade,
der alle Sünde abwasche, und jedem Menschen sei diese Unschuld eingeboren und
sei das Urprinzip aller Sehnsucht nach einem göttlichen Leben; auch in dem
verwirrtesten Gemüt vermittele sich ein tiefer Zusammenhang mit seinem Schöpfer,
in jener unschuldigen Liebe und Zuversicht, die sich trotz aller Verirrungen
nicht ausrotten lasse, an diese solle man sich halten, denn es sei Gott selber
im Menschen, der nicht wolle, dass er in Verzweiflung aus dieser Welt in jene
übergehe, sondern mit Behagen und Geistesgegenwart, sonst würde der Geist wie
ein Trunkenbold hinüberstolpern und die ewigen Freuden durch sein Lamento
stören, und seine Albernheit würde da keinen großen Respekt einflößen, da man
ihm erst den Kopf wieder müsse zurechtsetzen. Sie sagte von diesem Lied, es sei
der Geist der Wahrheit mit dem kräftigen Leib der Natur angetan, und nannte es
ihr Glaubensbekenntnis, die Melodien waren elend und unwahr gegen den Nachdruck
ihres Vortrags und gegen das Gefühl, was in vollem Masse aus ihrer Stimme
hervorklang. Nur wer die Sehnsucht kennt; ihr Auge ruhte dabei auf dem Knopf des
Katarinenturms, der das letzte Ziel der Aussicht
