, am End ist auch gar nichts gefährlich als nur
die Furcht selber, die bringt einem um alles.« Grad im letzten Jahr war sie am
lebendigsten und sprach über alles mit gleichem Anteil, aus den einfachsten
Gesprächen entwickelten sich die feierlichsten und edelsten Wahrheiten, die
einem für das ganze Leben ein Talisman sein konnten; sie sagte: »Der Mensch muss
sich den besten Platz erwählen, und den muss er behaupten sein Leben lang, und
muss all seine Kräfte daran setzen, dann nur ist er edel und wahrhaft groß. Ich
meine nicht einen äußern, sondern einen innern Ehrenplatz, auf den uns stets
diese innere Stimme hinweist, könnten wir nur das Regiment führen in uns selbst,
wie Napoleon das Regiment der Welt führt, da würde sich die Welt mit jeder
Generation erneuern und über sich selbst hinausschwingen. So bleibt's immer beim
Alten, weil's halt keiner in sich weiter treibt wie der vorige, und da langweilt
man sich schon, wenn man auch eben erst angekommen ist, ja, man fühlt's gleich,
wenn man's auch zum erstenmal hört, dass die Weisheit schon altes abgedroschnes
Zeug ist.« - Ihre französische Einquartierung musste ihr viel von Napoleon
erzählen, da fühlte sie mit alle Schauer der Begeisterung; sie sagte: »Der ist
der Rechte, der in allen Herzen widerhallt mit Entzücken, Höheres gibt es
nichts, als dass sich der Mensch im Menschen fühlbar mache«, und so steigere sich
die Seligkeit durch Menschen und Geister wie durch eine elektrische Kette, um
zuletzt als Funken in das himmlische Reich überzuspringen. - Die Poesie sei
dazu, um das Edle, Einfache, Große aus den Krallen des Philistertums zu retten,
alles sei Poesie in seiner Ursprünglichkeit, und der Dichter sei dazu, diese
wieder hervorzurufen, weil alles nur als Poesie sich verewige; ihre Art zu
denken hat sich mir so tief eingeprägt, ich kann mir in ihrem Sinn auf alles
Antwort geben, sie war so entschieden, dass die allgemeine Meinung durchaus
keinen Einfluss auf sie hatte, es kam eben alles aus so tiefem Gefühl, sie sagte
mir oft, ihre Vorliebe für mich sei bloß aus der verkehrten Meinung andrer Leute
entstanden, da habe sie gleich geahnt, dass sie mich besser verstehen werde. -
Nun, ich werde mich noch auf alles besinnen; denn mein Gedächtnis wird mir doch
nicht weniger treu sein wie mein Herz. Am Pfingstfest, in ihrem letzten
Lebensjahr, da kam ich aus dem Rheingau, um sie zu besuchen, sie war freudig
überrascht, wir fuhren ins Kirschenwäldchen; es war so schön Wetter, die Blüten
wirbelten leise um uns herab wie Schnee, ich erzählte ihr von einem ähnlichen
schönen Feiertag, wie
