 kein Wunder! Wir
alle, die wir denken und lieben, harren an dieser Grenze unserer Erlösung; ja
die ganze Welt kommt mir vor wie am Strand versammelt und einer Überfahrt
harrend durch alle Vorurteile, böse Begierden und Laster hindurch zum Land, da
einer himmlischen Freiheit gepflegt werde. Wir tun unrecht zu glauben, dazu
müsse der Leib abgelegt werden, um in den Himmel zu kommen. Wahrhaftig! Wie die
ganze Natur von Ewigkeit zu Ewigkeit sich vorbereitet, ebenso bereitet sich der
Himmel vor, in sich selber, in der Erkenntnis eines keimenden geistigen
Lebens, dem man alle seine Kräfte widmet, bis es sich von selbst in die Freiheit
gebäre, dies ist unsere Aufgabe, unsere geistige Organisation, es kommt drauf
an, dass sie sich belebe, dass der Geist Natur werde, damit dann wieder ein Geist,
ein weissagender sich aus dieser entfalte. Der Dichter (Du Goethe) muss zuerst
dies neue Leben entfalten, er hebt die Schwingen und schwebt über den Sehnenden
und lockt sie und zeigt ihnen, wie man über dem Boden der Vorurteile sich
erhalten könne; aber ach! Deine Muse ist eine Sappho, statt dem Genius zu
folgen, hat sie sich hinabgestürzt.
 
                                                                 Am 29. November
Gestern hab ich so weit geschrieben, da hab ich mich ins Bett gelegt aus lauter
Furcht, und wie ich alle Abend tue, dass ich im Denken an Dich zu Deinen Füßen
einschlafe, so wollte es mir gestern nicht gelingen; ich musste mich schämen, dass
ich so hoffärtig geschwätzt habe, und alles ist vielleicht doch nicht, wie ich's
meine. Am End ist es die Eifersucht, die mich so aufbringt, dass ich einen Weg
suche, wie ich Dich wieder an mich reiße und ihrer vergessen mache; nun! Prüfe
mich, und wie es auch sei, so vergesse nur meiner Liebe nicht und verzeihe mir
auch, dass ich Dir mein Tagebuch zuschicke; am Rhein hab ich's geschrieben, ich
habe darin das Leben meiner Kinderjahre vor Dir ausgebreitet und Dir gezeigt,
wie unser beider Wahlverwandtschaft mich trieb, wie ein Bächlein eilend
dahinzurauschen über Klippen und Felsen zwischen Dornen und Moosen bis dahin, wo
Du gewaltiger Strom mich verschlingst. Ja, ich wollte dies Buch behalten, bis
ich endlich wieder bei Dir sein würde, da wollte ich morgens in Deinen Augen
sehen, was Du abends darin gelesen hattest; nun aber quält mich's, dass Du mein
Tagebuch an die Stelle von Ottilien ihrem legest, und die Lebende liebst, die
bei Dir bleibt, mehr wie jene, die von Dir gegangen ist.
    Verbrenne meine Briefe nicht, zerreisse sie nicht, es möchte Dir sonst selber
weh tun, so fest, so wahrhaft lebendig häng
