? Es ist der Waffenstillstand,
der Friede mit allen schauerlichen Folgen, mit aller verruchten Verräterei der
Politik. Die Gänse, die mit ihrem Geschrei das Kapitol einst retteten, lassen
sich ihr Recht nicht streitig machen, sie allein führen das Wort.
    Aber Du, freundlicher Goethe! Sonnenschein! Der auch mitten im Winter auf
den beschneiten Höhen liegt und in mein Zimmer guckt. - Ich hab mir des Nachbars
Dach, das morgens von der Sonne beschienen ist, als ein Zeichen von Dir gesetzt.
    Ohne Dich wär ich vielleicht so traurig geworden als ein Blindgeborner, der
von den Himmelslichtern keinen Begriff hat. Du klarer Brunnen, in dem der Mond
sich spiegelt, da man die Sterne mit hohler Hand zum Trinken schöpft; Du
Dichter, Freier der Natur, der, ihr Bild in der Brust, uns arme Sklavenkinder es
anbeten lehrt.
    Dass ich Dir schreibe, ist so sonderbar, als wenn eine Lippe zur andern
spräche. Höre, ich habe Dir was zu sagen, ja ich hole zu weit aus, da sich doch
alles von selbst versteht, und was sollte die andere Lippe darauf antworten? Im
Bewusstsein meiner Liebe, meiner innigsten Verwandtschaft zu Dir schweigst Du. -
Ach, wie konnte doch Ottilie früher sterben wollen? - O, ich frage Dich: ist es
nicht auch Busse, Glück zu tragen, Glück zu genießen? - O Goethe, konntest Du
keinen erschaffen, der sie gerettet hätte? - Du bist herrlich, aber grausam, dass
Du dies Leben sich selbst vernichten lässt; nachdem nun einmal das Unglück
hereingebrochen war, da musstest Du decken, wie die Erde deckt, und wie sie neu
über den Gräbern erblüht, so mussten höhere Gefühle und Gesinnungen aus dem
Erlebten erblühen, und nicht durfte der unreife jünglinghafte Mann so entwurzelt
weggeschleudert werden, und was hilft mich aller Geist und alles Gefühl in
Ottiliens Tagebuch? Nicht kindlich ist's, dass sie den Geliebten verlässt und
nicht von ihm die Entfaltung ihres Geschicks erwartet, nicht weiblich ist's, dass
sie nicht bloß sein Geschick beratet; und nicht mütterlich, da sie ahnen muss die
jungen Keime alle, deren Wurzeln mit den ihrigen verwebt sind, dass sie ihrer
nicht achtet und alles mit sich zugrunde richtet.
    Es gibt eine Grenze zwischen einem Reich, was aus der Notwendigkeit
entsteht, und jenem höheren, was der freie Geist anbaut; in die Notwendigkeit
sind wir geboren, wir finden uns zuerst in ihr, aber zu jenem freien werden wir
erhoben. Wie die Flügel den Vogel in die Lüfte tragen, der unbefiedert vorher
ins Nest gebannt war, so trägt jener Geist unser Glück stolz und unabhängig in
die Freiheit; hart an diese Grenze führst Du Deine Lieben,
