 ein Sinnen über Deine Schönheit strömt zusammen in Liebe; und so ist
dieser Kuss ein tiefes unbegreifliches Einverständnis mit Deiner unendlich
verschiedensten Natur von mir. O versündige Dich nicht an mir und mache Dir kein
geschnitzeltes Bild, dasselbige anzubeten, während die Möglichkeit Dir zuhanden
liegt, ein wunderbares Band der Geisterwelt zwischen uns zu weben.
    Wenn ich mein Netz aufzog, so willkürlich gewebt, so kühn ausgeworfen, im
Gebiet des Unbekannten, ich brachte Dir den Fang, und was ich Dir auch bot, es
war der Spiegel des menschlich Guten. Die Natur hat auch einen Geist, und in
jeder Menschenbrust empfindet dieser Geist die höheren Ereignisse des Glücks und
des Unglücks, wie sollte der Mensch um sein selbst willen selig sein können, da
Seligkeit sich in allem empfindet und keine Grenze kennt? So empfindet sich
Natur selig im Geist des Menschen, das ist meine Liebe zu Dir, und so erkennt
der Menschengeist diese Seligkeit, das ist Deine Liebe zu mir: geheimnisvolle
Frage und unentbehrliche Antwort.
    Genug! lasse mich nicht vergebens bei Dir angeklopft haben, nimm mich auf
und verhülle mich in Dein tieferes Bewusstsein.
    Dein zweiter Brief ist auch hier, der mir das glückliche Einfangen des
vagabundierenden Kunstwerkes meldet, möge es Dir bei Deiner Heimkehr
einleuchten; es ist ein Gesicht, zwar nur ein gemaltes, aber unter tausend
lebendigen wird Dir kein so durchdringender Blick begegnen, der hat sich
angesehen, hat sich sein tiefstes Herz abgefragt und auf die Leinwand gemalt,
dass es Rechenschaft gebe von ihm den nachkommenden Geschlechtern als der Würdige
unter den Besten.
    Vom Weltteater auf den Felsspitzen ist nur zu melden, dass sie gut
balancieren. Am 3. September, am Geburtstag Deines gnädigsten Herrn und
Freundes, hat ganz Tirol mit allen Glocken geläutet und Te Deum gesungen; es ist
grade Platz genug dort, dass von allen Seiten Heldentaten dargestellt werden, die
so kühn sind, so himmelanstrebend wie die Felszacken, von denen sie ausgehen,
und bald so tief vergessen sein werden wie die tiefen Klüfte, in denen sie ihre
Feinde begraben, entschieden Genaues erfährt man nicht; das Grossartige wird so
viel wie möglich verketzert und verheimlicht; in diesen letzten Wochen hat sich
Steger hervorgetan, auch ein allseitiges Genie, der sich selber als ein Geschenk
Gottes betrachten kann für seine Landsleute. Von Deinem Musensohn, dem
Kronprinzen, sind Briefe hier, über Begebenheiten melden sie nichts, er ist
gesund und dichtet, auch mitten in dem Tumult des Schicksals, das beweist, dass
er sich in diesem Element nicht fremd fühlt; weiter weiß ich nichts, das Gedicht
bekam ich nicht zu lesen, ich hätte es Dir sehr gern als Probe gesendet, man
fürchtet, es möchte mich zu tief ergreifen, sonderbar! Ich
