 mache mir Hoffnung, ihn in
der ersten Hälfte dieses Jahres noch zu sehen, wo ich es ihm selbst bringen
kann. Erhalten Sie sich gesund und recht heiter in diesem kalten Winter. Meine
Schwachheit, Ihnen Freude machen zu wollen, behandeln Sie wie immer mit gütiger
Nachsicht.
    München, 8. Januar 1809
                                                                         Bettine
 
                                   An Goethe
Andre Menschen waren glücklicher als ich, die das Jahr nicht beschließen
durften, ohne Dich gesehen zu haben. Man hat mir geschrieben, wie liebreich Du
die Freunde bewillkommnest. -
    Seit mehreren Wochen bin ich in München, treib Musik und singe viel bei dem
Kapellmeister Winter, der ein wunderlicher Kauz ist, aber grade für mich passt;
denn er sagt: »Sängerinnen müssen Launen haben«, und so darf ich alle an ihm
auslassen; viel Zeit bringe ich am Krankenlager von Ludwig Tieck zu, er leidet
an Gicht, eine Krankheit, die allen bösen Launen und Melancholie Audienz gibt;
ich harre ebenso wohl aus Geschmack wie aus Menschlichkeit bei ihm aus; ein
Krankenzimmer ist an und für sich schon durch die große Ruhe ein anziehender
Aufenthalt, ein Kranker, der mit gelassnem Mut seine Schmerzen bekämpft, macht es
zum Heiligtum. Du bist ein großer Dichter, der Tieck ist ein großer Dulder, und
für mich ein Phänomen, da ich vorher nicht gewusst habe, dass es solche Leiden
gibt; keine Bewegung kann er machen ohne aufzuseufzen, sein Gesicht trieft von
Angstschweiß, und sein Blick irrt über der Schmerzensflut oft umher wie eine
müde geängstigte Schwalbe, die vergeblich einen Ort sucht, wo sie ausruhen kann,
und ich steh vor ihm verwundert und beschämt, dass ich so gesund bin; dabei
dichtet er noch Frühlingslieder und freut sich über einen Strauss
Schneeglöckchen, die ich ihm bringe, sooft ich komme, fordert er zuerst, dass ich
dem Strauss frisch Wasser gebe, dann wische ich ihm den Schweiß vom Gesicht ganz
gelinde, man kann es kaum, ohne ihm weh zu tun, und so leiste ich ihm allerlei
kleine Dienste, die ihm die Zeit vertreiben, Englisch will er mich auch lehren,
allen Zorn und Krankheitsunmut lässt er denn an mir aus, dass ich so dumm bin, so
absurd frage und nie die Antwort verstehe, auch ich bin verwundert; denn ich hab
mit den Leuten geglaubt, ich sei sehr klug, wo nicht gar ein Genie, und nun
stoße ich auf solche Untiefen, wo gar kein Grund zu erfassen ist, nämlich der
Lerngrund, und ich muss erstaunt bekennen, dass ich in meinem Leben nichts gelernt
habe.
    Eh ich von Dir wusste, wußt ich auch nichts von mir, nachher waren Sinne und
Gefühl auf Dich gerichtet, und nun die Rose blüht, glüht und duftet, so
