
        
                               Bettina von Arnim
                      Goethes Briefwechsel mit einem Kinde
                                 Seinem Denkmal
                                   Erster Teil
                              Dem Fürsten Pückler
  Haben sie von deinen Fehlen
 Immer viel erzählt,
 Und fürwahr, sie zu erzählen
 Vielfach sich gequält.
 Hätten sie von deinem Guten
 Freundlich dir erzählt,
 Mit verständig treuen Winken
 Wie man Bess'res wählt:
 O gewiss! Das Allerbeste
 Blieb uns nicht verhehlt,
 Das fürwahr nur wenig Gäste
 In der Klause zählt. -
                                                            (Westöstlicher Divan
                                                           Buch der Betrachtung)
Es ist kein Geschenk des Zufalls oder der Laune, was Ihnen hier dargebracht
wird. Aus wohlüberlegten Gründen und mit freudigem Herzen biete ich Ihnen an,
das Beste was ich zu geben vermag. Als Zeichen meines Dankes für das Vertrauen,
was Sie mir schenken.
    Die Menge ist nicht dazu geeignet, die Wahrheit, sondern nur den Schein zu
prüfen; den geheimen Wegen einer tiefen Natur nachzuspüren, das Rätselhafte in
ihr aufzulösen ist ihr versagt, sie spricht nur ihre Täuschungen aus, erzeugt
hartnäckige Vorurteile gegen bessere Überzeugung und beraubt den Geist der
Freiheit, das vom Gewöhnlichen Abweichende in seiner Eigentümlichkeit
anzuerkennen. In solchen Verwirrungen waren auch meine Ansichten von Ihnen
verstrickt, während Sie aus eigener Bewegung, jedes verkleinernde Urteil über
mich abweisend, mir freundlich zutrauten: »Sie würden Herz und Geist durch mich
bereichern können«, wie sehr hat mich dies beschämt! - Die Einfachheit Ihrer
Ansichten, Ihrer sich selbst beschauenden, selbstbildenden Natur, Ihr leiser
Takt für fremde Stimmung, Ihr treffendes fertiges Sprachorgan; sinnbildlich
vieldeutig in melodischem Stil innere Betrachtung wie äußere Gegenstände
darstellend, diese Naturkunst Ihres Geistes, alles hat mich vielfältig über Sie
zurechtgewiesen und mich mit jenem höheren Geist in Ihnen bekannt gemacht, der
so manche Ihrer Äußerungen idealisch parodiert.
    Einmal schrieben Sie mir: »Wer meinen Park sieht, der sieht in mein Herz.« -
Es war im vorigen Jahr in der Mitte September, dass ich am frühen Morgen, wo eben
die Sonne ihre Strahlen ausbreitete, in diesen Park eintrat; es war große Stille
in der ganzen Natur, reinliche Wege leiteten mich zwischen frischen
Rasenplätzen, auf denen die einzelnen Blumenbüsche noch zu schlafen schienen;
bald kamen geschäftige Hände, ihrer zu pflegen, die Blätter, die der Morgenwind
abgeschüttelt hatte, wurden gesammelt und die verwirrten Zweige geordnet; ich
ging noch weiter an verschiedenen Tagen und zu verschiedenen Stunden nach allen
Richtungen, so weit ich kam, fand ich dieselbe Sorgfalt und eine friedliche
Anmut, die sich über alles verbreitete. So entwickelt und pflegt der Liebende
den Geist und die Schönheit des Geliebten, wie Sie hier ein anvertrautes Erbteil
der Natur pflegen. Gern will ich glauben, dass dies der Spiegel Ihres tiefsten
Herzens sei, da es so viel Schönes besagt; gern will ich glauben, dass das
einfache Vertrauen
