 Dichter kein Deutscher?
Kein vaterländischer?« - »Nein,« entgegnete der Journalist ruhig, »denn er hat
kein Vaterland!« - »Eine neue, seltsame Behauptung!« rief der Pastor
kopfschüttelnd. - »Und nennen Sie es mir,« setzte der Doktor eben so ruhig
hinzu, »wie heißt es, wo liegt es? Ist's etwa das kleine Ländchen, in dessen
Hauptstadt er ein Haus, einen Garten besaß, ist's das Gebiet jener Stadt, in der
er das Licht der Welt erblickte? Ist nicht eben so gut Frankreich, Italien, das
alte Griechenland, England, der Norden wie der Süden Europa's, samt dem Orient,
sein Vaterland?« - »Ich fasse Ihre Ansicht,« rief Ottfried, »Sie zielen auf die
große Objektivität unsres Poeten, und ist es nicht diese gerade, mit deren Hilfe
es ihm gelang, so mächtig zu wirken, wie er gewirkt hat, indem er, mit einem
Bilde zu reden, die Perlen aus dem Meere, das bunte Geflügel der Luft, die
schimmernden Erze der Tiefe, die Gewächse fremder Zonen alle zusammen vereinigt
hat, um sie aus seinem goldenen Füllhorn dem mit ihm lebenden Geschlechte
vorzuschütten. Alles Schöne und Treffliche einer Zeit, ja diese Zeit selbst
kommt nur durch den Mund der Dichter auf die Nachwelt; sie sind das Organ, und
die mannigfaltigsten Richtungen des Geistes vereinigen sich hier, um in einem
tönenden Prophetenspruche offenbart zu werden. In dieser Beziehung schreiben
Dichter die Geschichte, und in diesem Sinn wird für das entfesselte Verständnis
die Geschichte zum Gedicht.« - »Ich trete vollkommen Ihrer Ansicht bei,« rief
der Journalist, »doch um den Poeten mit einer solchen weltgeschichtlichen Würde
zu bekleiden, muss er einen festen Standpunkt haben, von welchem aus es ihm
möglich wird, seine Bestimmung nach allen Seiten hin zu erfüllen; er muss sich
als Glied einer Kette fühlen, aus der er nicht herausstrebt, sondern die er nur
fester verbinden hilft; mit einem Wort, der Poet muss ein Vaterland haben.
Geziemt es dem Denker, frei von umschränkenden Verhältnissen der Gegenwart, dem
Ziele, das er sich über alle Zeit hinausgesteckt hat, auf dem Wege einsam
grübelnder Betrachtung nachzugehen; so sitzt der Dichter, ein Genosse seiner
Zeit, auf dem bunten Markte des Lebens da; er leidet, kämpft und siegt mit den
Leidenden, er jubelt mit den Jubelnden, und beständig wandelt der bewegte Zug
vor seinem Auge vorüber; Wolken, Sonne, die ganze vaterländische Natur sieht man
als Hintergrund zu seinen Gemälden; er ist eben so wenig von dem Lande, wo er
geboren, zu trennen, als Duft und Farbe von der Rose zu scheiden
