 Leben und
Wahrheit einigermaßen erhält, nämlich der Leser muss annehmen, der junge Mann
tödte sich nicht aus Liebes-Verzweiflung, diese hat meinetwegen auch einen
großen Teil an seinem Tode, sondern der eigentliche Grund desselben sei die
bewusst gewordene Ohnmacht, das uns allen vor Augen stehende ewige Rätsel
unseres Daseins zu lösen. Aus innerem Zwiespalt und Lebensüberdruss flüchtet er
in's Nichts. So nur kann ich Seelengrösse und Selbstmord vereinigt denken, und
von dieser Seite angesehen, gewinnt die Fabel Bedeutung, indem durch sie jene
Stürme angedeutet worden sind, die bald darauf durch alle Länder dahinbrausen
sollten, und die zu beschwören die heutige Welt berufen scheint. Das gewöhnlich
angenommene Motiv des Werter'schen Mordes ist aber so siegwartisch
schwindsüchtig-weichlich, dass sich im Ernst kein poetisch kräftiges Gemüt
darein verlieben kann.« Ottfried war hinzugetreten und rief: »Wenn Sie doch,
Teuerster, nicht von Poesie reden wollten, deren Wesen und Gehalt Sie nun
einmal durchaus nicht begriffen haben! Wie ein schöner Park nicht dazu dienen
kann, eine Stadt zu befestigen und Türme und Mauern entbehrlich zu machen, eben
so wenig sollte ein Politiker von Poesie reden; genug, dass man ihm zugibt, dass
seine Kanonen, Mörser, Säbelklingen und Deputirten-Kammern, samt allem
kriegerischen Löschpapier notwendige Übel sind, da sollte man sich doch
zufrieden geben, und uns unsern Teil lassen.« - - »Schon wieder ein großer
Irrtum,« rief der Zurechtgewiesene; »nur die höchste Einseitigkeit kann das
Leben und seine Erscheinungen in starre Klassen teilen wollen. Dieses ist die
Quelle so vielen Streits und Elends unsrer Tage, dass nämlich ein Teil der Menge
sich ausschliesst und behauptet, die Sache gehe ihn nichts an. Jeder und alle
müssen vereint wirken, wenn die Aufgabe genügend gelöst werden soll.« - »Tun
Sie, was Sie wollen,« sagte Ottfried empfindlich; »nur kann ich es nicht leiden,
dass unser großer Dichter getadelt wird, und von Leuten, die nicht wert sind,
ihm die Schuhriemen aufzulösen.« - »Mit einer einseitigen Bewunderung,« nahm der
Journalist das Wort, »kommen wir heutzutage nicht weit. Das Repräsentiren
einzelner Geister hat aufgehört, und an die Stelle ist die begeisterte
Wirksamkeit Aller getreten; die Gesammteit hat Stimme erhalten, und in dieser
findet die Poesie, wenn sie sich aussprechen will, ihr würdiges Organ. Fragen
wir doch, was denn jener große Geist, dem es vergönnt war, in so mancherlei
Beziehungen auf's Ganze zu wirken, was er denn Treffliches geleistet? Wo sind
die löblichen Einrichtungen, die der Staat ihm, seinem ersten Staatsmanne,
verdankt, was hat eine Generation, die bittend zu ihm hinaufsah, von ihm zur
Förderung
