 dass, sag ich, solche Individuen jedesmal zu Dichtern und
Künstlern geboren sind? ich sollte nicht meinen.«
    »Keineswegs!« versetzte Nolten. »Ich habe mir bei einem Manne, der scheinbar
nicht hieher gehört, bei Napoleon, einige geheime Eigenschaften gemerkt, welche
sich sehr gut an gewisse Fädchen von Lichtenbergs eigenster Natur anknüpfen
lassen; sie berühren zwar nicht eben das, wovon wir jetzo reden, aber sie hängen
mit einer Gattung Aberglauben zusammen, der ein Grenznachbar aller
Idiosynkrasien ist.«
    »Napoleon!« rief der Baron aus, »als wenn nicht auch sein Aberglaube nur
angenommene Maske wäre!«
    »Machen Sie mir ihn nicht vollends zum seichten Verbrecher!« entgegnete
Nolten. »Er war nüchtern überall, nur nicht in dem tiefsten Schachte seines
Busens. Nehmen Sie ihm nicht vollends die einzige Religion, die er hatte, die
Anbetung seiner selbst oder des Schicksals, das mit göttlicher Hand ihm einen
Spiegel vorzuhalten schien, worin er sich und die Notwendigkeit seiner Taten
erblickte.«
    »Wir lassen das gut sein«, versetzte der Baron, »soweit ich Sie aber
verstehe, haben Sie vollkommen recht. Das Schicksal verwendet die Kräfte, welche
verschränkt in einem Menschen liegen können, gar mannigfaltig, und aus einer
Mischung von Poesie, bald mit politischem Verstand, bald mit philosophischem
Talent, mit matematischem Sinn u.s.f., in einem und demselben Subjekte springen
die wunderbarsten, die größten Resultate hervor, vor denen die Gelehrten gaffend
und kopfschüttelnd stehen und wodurch das lahme Rad der Welt auf lange hinein
wieder einen tüchtigen Schwung erhält. Da scheint denn die Natur vor unsern
eingeschränkten Augen sich auf einmal selbst zu widersprechen, oder wenigstens
zu übertreffen, sie tut aber keines von beiden. Zwei heterogen scheinende Kräfte
können sich wunderbar einander stärken, und das Trefflichste hervorbringen. Doch
ich verirre mich. - Ich wollte von Ihren kindischen Geständnissen aus nur auf
den Punkt kommen, wo der Philister und der Künstler sich scheiden. Wenn dem
letztern als Kind die Welt zur schönen Fabel ward, so wird sie's ihm in seinen
glücklichsten Stunden auch noch als Mann sein, darum bleibt sie ihm von allen
Seiten so neu, so lieblich befremdend.
    Am meisten als Entusiast hat Novalis (der mir übrigens dabei nicht ganz
wohl macht) dieses ausgesprochen, soweit es den Dichter angeht -«
    »Ganz recht!« fiel Nolten ein; »aber wenn dem wahren Dichter bei dieser
besonderen Anschauungsweise der Außenwelt jene holde Befremdung durchaus eigen
sein muss, selbst im Falle sie sich in seinen Produktionen nicht ausdrücklich
verraten sollte so kann dagegen die Vorstellungsart des bildenden Künstlers ganz
entfernt davon sein, ja sie ist es notwendig. Auch der Geist, in welchem die
Griechen
