 man könne einem Andern etwas Wichtiges, für ihn selbst
Bedeutendes, sagen. Es ist eine Täuschung. Entweder weiß er es schon, oder er
hört es nicht. Das innere Ohr ist eine Sensitive. Es verschließt sich, so wie
man ihm nahe kommt.
    Ich hatte mir in der vergangenen Nacht, die ich schlaflos zubrachte,
vielerlei ersonnen, was ich Dir mitteilen zu müssen glaubte. Nun es dazu kommt,
lasse ich es lieber. Dir hilft es nichts, und mich verleitet es vielleicht zu
einer Übereilung.
    Hugo! wir verstehen uns ohne Worte. Aber ich fürchte, es kommt für Dich, wie
für mich, wenig dabei heraus. In der Hauptsache macht es uns beide nicht klüger;
denn bis auf einen gewissen Punkt bleibt der Mensch dem Menschen immer ein
Rätsel. Die Alten kehrten das Inwendige nach Außen. Das schöne Ungeheuer, die
Sphinx, war selbst das Symbol ihrer unaufgelösten Aufgabe. Der Kopf wickelt sich
wohl heraus aus der Hölle der Nacht, aber bis der Leib aufsteht, und sich nach
eignen Gesetzen bewegt, bis der Gedanke ein Dasein hat, da müssen die Zeiten
ihren Kreislauf vollenden, und die gebundenen Gebeine des Oedipus erst frei
werden!
    Du bist gefesselt, Hugo, was klagst Du mehr, als ein Anderer?
    Im Grunde warst Du doch auch nicht mit Deiner frühern Stellung zufrieden.
Hättest Du Dir genügen lassen an dem Besitz der Idee, wäre Dir das Eigentum
höherer Freiheit über alles lieb gewesen, und könntest Du Deinen ganzen Stolz
darin finden, über die Köpfe eines leeren und flachen Geschlechts hinweg, mit
den Flügeln des Geistes, die Nebel um Dich her zu zerteilen, Du lebtest freier.
Doch, Dir spukt das vornehme Wesen und die Gespenster aus der Nacht alter
Vorurteile auch noch im Blute, Du bist auch erst mit halbem Leibe heraus.
Trage, was Du nicht los werden kannst. Du wirst es lernen! Am Ende versöhnst Du
Dich doch wohl noch mit der neuen Weise.
    Die Ungleichheiten des Lebens verebnen sich eher, wenn es etwas gibt, die
Zwischenräume auszufüllen, und Glanz, Reichtum, Ansehen und Bequemlichkeit
ändern Vieles.
    Wenn Du ein gewöhnlicher, nichtiger, schlaffer Alltagsmensch würdest!
Unmöglich! So beschwichtigt sich der heiße Durst der Seele nicht. Die Welt gießt
wohl Wasser in die Flamme, aber, wo das Öl aus dem Mark und Saft des Innern
quillt, da belebt sich die Glut durch sich selbst.
    Ich erinnere mich jetzt oft einer Äußerung von Dir. Du warst noch sehr
jung. Wir standen im Begriff, die Akademie zu verlassen. Die Pläne Deines
Vaters, im Betreff Deiner militärischen Laufbahn, wollten Dir nicht einleuchten.
Du hattest den Gedanken, in einem andern Weltteile zu suchen,
