 Ansprüche
Ihrer Tochter werden erliegen müssen! Doch, es gibt überall nur einen Faden
durch das Labyrinth des Lebens, und den muss ein jeder selbst finden. Fremde
Brillen passen selten. Sie trüben nur den Blick.
    Deshalb Geduld! liebe gnädige Frau. Geduld! Sie waren früher so eilig, das
Verhältnis zwischen beiden jungen Leuten zu begründen, lassen Sie ihnen nun
Zeit, in Harmonie mit der innern und äußern Welt zu treten.
    Ich würde mir selbst anmassend erscheinen, wollte ich ein Urteil über meines
Neffen Charakter aussprechen. Die Elemente seiner Natur sind mir meistenteils
fremd. Auf das erste Empfinden hin, scheinen alle zu verflüchtigt, um es in ihm
selbst, bei der glücklichsten Mischung, zu irgend einer vollständigen Gestaltung
der Ideen kommen zu lassen. Es zieht das beobachtende Auge in eine unermessliche
Weite hinaus, aber man findet keine Ruhestätte, um zu verweilen. So, sage ich,
würde das Selbstgefühl, das eben kein Echo hier findet, sprechen. Doch das
Selbstgefühl hat nicht mitzureden, wenn ein fremdes Bild in das Bewusstsein
treten soll. Außerdem liegt eine schroffe Klippe zwischen uns. Er kann sie
überfliegen, das traue ich ihm zu, allein, ob er mich dabei findet? ist eine
andere Frage. Die Sonne hat bekanntlich allein die Macht, den härtesten Stein
aufzulösen. So schmilzt auch nur die innere Sonne den Stein des Anstoßes weg! Es
ist nicht leicht zu entscheiden, ob solche Glut Hugo's Seele ausfüllt? oder ob
diese nicht leere und kalte Stellen birgt, in denen gerade wir beide
zusammentreffen? -
    Ich sage Ihnen das, gnädige Frau! damit Sie bei Zeiten meinen Einfluss auf
Ihres Schwiegersohnes Herz und Gemüt in das rechte Licht stellen, und hier
keine Wunder erwarten.
    Das ist überhaupt selten von großer Wichtigkeit, was ein Mensch vom Andern
augenblicklich erwirbt. Und irre ich nicht, so wird Hugo in Allem sehr leicht
nachgeben, doch nie ein Anderer sein.
    Sie haben ihn gekannt, gnädige Frau, als Sie die Neigung der schönen Emma
billigten. Wenn er Ursache gibt, Ihre Besorgnisse zu rechtfertigen, so bin ich
hierbei doch gewiss außer Schuld.
    Aber, weshalb auch Besorgnisse! Ist es jetzt auch schon Zeit dazu? Wir
wollen keine andern hegen, als solche, die der Wandel alles Zeitlichen dem
Nachdenkenden von selbst aufdringt, dann kommt man nie vom rechten Wege.
    Es scheint mir gut, dass die jungen Leute sogleich eine kurze rasche
Ausflucht in die Schweiz machen. Dies heimatlose Hinziehen durch unbekannte
Gegenden, das Abreissen von allen Gewohnheitsbanden, die Einsamkeit in der Fremde
führt näher zusammen, und schafft in dem, was die Seele gemeinschaftlich traf,
einen eigentümlichen Quell der Erinnerung. Man schöpft immer eine Weile daraus,
und
