 Zeit viel hierüber
mit mir zu tun gehabt. Alles Leere, Nichtige, Abgerissene und darum
Selbstische, büsst der Mensch durch Erfüllung oder Nichterfüllung seiner Wünsche.
Beides kann Strafe werden. Doch, was das Eigentum seiner heiligsten
Überzeugung, was sein frei gewordenes Dasein, was der Ursprung, wie der Zweck
seiner Erdenlaufbahn ist, das gibt er nur zum Scheine den Umständen hin. Der
Trieb, der ihn zum zweitenmale im Bewusstsein erschuf, der stirbt nicht, den
verhüllt die Gewalt andrängender Ereignisse wohl eine Weile; aber, was ist, das
ist! Es lassen sich nur Abkömmnisse mit ihm schließen, zu besiegen finden wir im
Kampf der Wahrheit nichts als die Lüge.
    Es wäre himmelschreiend, wollten Sie sich glauben machen, Sie seien von dem
Gott, der Ihnen diese Seele einhauchte, verdammt, sich in die Knechtschaft der
Bedürftigkeit zu schmiegen, um es zu büßen, dass Sie dachten und empfanden, wie
das Kind seiner Gedanken! Ich habe Ihren Brief, Elise! in demselben Zimmer
gelesen, auf derselben Stelle, wo Sie mir sagten: »Ich kann alles hingeben, was
man von mir fordert, doch die Fähigkeit, Sie in Ihrem innern und äußern Tun zu
begleiten, die lasse ich mir durch kein Schreckbild des Vorurteils rauben.«
    Glauben Sie in der willkührlichen Haft den Gebrauch jener Fähigkeit zu
bewahren?
    Elise! sein Sie gewiss, wie Strick und Band den Gliedern ihre geschmeidige
Beweglichkeit rauben, so geht es dem Geist, der unterdrückt ist, und den Käfig
über sich zufallen lässt.
    Und nun noch ein Wort über Georg. Das zarte, besondere Kind fordert Ihre
ganze Aufmerksamkeit. Er ist, ich leugne es Ihnen nicht, er ist anders geworden,
langsam, stille, abgesondert, schließt er sich nur selten, und dann heimlich und
nur für Augenblicke auf. Sein Anblick machte mir den Eindruck einer fremden,
köstlichen Blume, die, in einen Gemüsgarten verpflanzt, die grobe Erde und die
wuchernden Nachbarpflanzen zurückhalten. Seine gute, treue Pflegerin ist von
jener weichlichen Sorgfalt für ihn, die Alles tut, aber das Rechte nicht
trifft. Sie wacht mit steter Sorgfalt über jeden seiner Schritte, er wagt
deshalb selten einen ungewöhnlichen, ja, ich finde ihn ängstlich, die Augen
fragend auf die Großmutter, was Madame Lindhof auch für ihn ist, gerichtet. Als
ich ihm das Erstemal mit dieser begegnete, ward er ganz rot, tat blöde, und
antwortete mir gar nicht. Ich überließ ihn sich selbst. Nach einer Weile schlich
er um mich herum, ging neben mir, fasste meine Hand, und als es Niemand hörte,
fragte er nach Ihnen. Ich erwiderte, dass ich Sie lange nicht gesehen hätte, er
wisse ja, Sie
