 nicht immer die unverfälschte Wahrheit des Bewusstseins so
hoch gehalten, hätte ich nicht den Trug der Einbildungskraft gefürchtet, und
künstliche Spiele gemachter Poesie für ein Verbrechen gegen ihr erhabenes Urbild
angesehen, ich würde, weniger misstrauisch, die innere Stimme in mir beachtet
haben, deren prophetischer Ton mich so oft mit unnennbarer Trauer durchbebte.
    Aber ich verwarf jede aufsteigende Ahndung über die Natur meiner Gefühle für
Hugo. Ich schalt mich selbst romanhaft, verlachte die Sucht, das Gewöhnliche
ungewöhnlich finden zu wollen, mit schonungslosem Spott, und errötete zuletzt
beschämt bei dem Vorwurf, einer Grille wegen, die schöne, beseelende
Freundschaft aufopfern zu wollen.
    Die kleinen Häckeleien häuslicher und menschlicher Missverständnisse taten
mir nur darum wehe, weil sie andern, weniger unabhängigen Gemütern zu schaffen
machten. Ich sah wohl Störungen voraus, doch in mir blieb noch Alles ruhig.
    Der Vorfall am Hofe erschreckte mich. Es ward mir dadurch klar, welche
Wichtigkeit man auf ein Verhältnis legte, das sich so von selbst, so natürlich,
ja so notwendig gemacht hatte. Ich sprach mit Eduard darüber. Er litt, aber er
glaubte mir. Wir sahen beide damals die Sache aus demselben Gesichtspunkte an.
Die Dazwischenkunft der Oberhofmeisterin musste eine Ehe stören, in welche sie
nur widerstrebend willigte. Eduards kluge Menschenkenntnis gab mir noch manchen
Aufschluss, der mich völlig über mich selbst beruhigte. Doch Hugo machte mich
irre. Er zeigte sich mir ungleich heftiger. Ich zitterte, dass seine Phantasie
sich verirrt, dass er sich sehr zur Unzeit leidenschaftlich erregt habe.
Tavanelli's Winke, sein zudringliches Einmischen in die innern Angelegenheiten
meines Glaubens störten mich. Auf unbegreifliche Weise ward ich mir fremd. Ich
flüchtete in dieser Unruhe zu Hugo. Ich richtete mich an ihm auf. Aber ich
lernte zugleich einsehen, dass ich ohne ihn nichts mehr war, dass ich nur noch in
ihm dachte und empfand. Was von da an geschah, was mich traf, was noch geschehen
kann: es ist unvermeidliche Folge dieses erschreckenden Erkennens.
    Ja, ich habe aufgehört, dieselbe zu sein. Und da die Umwandlung nun doch
einmal geschehen ist, so konnte ich mich auch länger nicht in erborgter Gestalt
dulden. Die einzige Möglichkeit, ferner zu existieren, liegt darin, dass ich mich
selbst verstehe, und mich zeige, wie ich bin. Diese Freiheit hat mir mein
lebendiger Tod genommen. Ich werde mich ihrer nicht ganz ungern bewusst. Sophie,
ich gestehe es, wahr sein zu dürfen, ist bei dem Wahrheitsliebenden ein
unschätzbares Gut.
    So lebe ich denn, und liebe in meiner Welt, auf meine Weise. Niemand ist mir
um ein Haar breit ferner gerückt, als er früher zu mir stand. Der Gedanke, das
Gefühl erreicht jeden Gegenstand
