 Sophie! ich halte nicht mit meinen Bekenntnissen hinter dem
Berge. Ich gestehe Ihnen, dass ich aus diesem unbilligen Misstrauen nicht an Sie
schrieb, und vielleicht auch weniger an Sie dachte. Ich habe darunter gelitten,
denn nichts tut so wehe, als eine kalte Stelle in der Brust, die uns
unaufhörlich an den erloschenen Funken erinnert.
    Sie haben diesen wieder angehaucht, Sophie, und ein Verhältnis neu belebt,
das ich, mit so vielem Andern, zerrissen wähnte. Tausend, tausend Dank, treue,
feste Freundin! die Klarheit Ihrer Empfindungen beschämt mich schon darum, weil
sie mir beweist, dass Sie das Unvergängliche wahrer Zuneigung in höherem Grade
besitzen, als ich zu glauben wagte. Und doch beruht anderer Seits mein ganzes
Dasein gerade auf diesem Glauben!
    Es ist wohl immer die Folge ungewöhnlicher Zustände, dass wir ein wenig
zittern, ehe wir uns zu fassen im Stande sind. Ich habe große Erschütterungen
erduldet. Kein Wunder, wenn mir es dunkel vor den Augen ward, und ich die
treuesten Menschen undeutlich sah!
    Über Eins, liebe Sophie, kann ich gleichwohl in Ihrem Briefe nicht hinaus!
Wie geht es zu, dass Sie mich, bei so festem, ruhigem Auffassen meiner tiefsten
Eigentümlichkeit, dennoch in der Hauptsache ganz missverstehen? Sie halten mich
nämlich in meiner gegenwärtigen Stellung zur Welt für höchst bedauernswürdig.
Sie sehen mein Geschick gebrochen, mich in den Staub gebeugt. Sie verzweifeln,
das Geschehene nicht ungeschehen machen zu können, und setzen voraus, ich sei
nur durch einen eben so übereilten, als gewaltigen Stoß aus dem geordneten Gang
der Natur herausgehoben, in den sich mein zerrüttetes Verhältnis zurücksehne.
Ja, Sophie, ja, ich bin wie von einem fürchterlichen Schlage getroffen, ganz
zusammengeschreckt, ganz durchbebt, in eine fremde, Grauen erregende Wildnis
geworfen. Wohin ich blicke, zeigt sich mir kein Ausweg. Alles ist übereinander
gefallen. Selbst der Reichtum des überfüllten Daseins dient nur, die Sinne zu
verwirren. Aber nicht erst jenes äußerlich umwandelnde Ereignis war es, was
mich so stellte; das plötzliche Erwachen meiner Seele, der jähe Blitz, der diese
durchzuckte, die Schauer verborgener Wahrheit, die ganze Last ihres Gewichts,
die hatte mich aus meinem Himmel gerissen. Können Sie mir denn zutrauen, ich
würde nach der Entdeckung den Selbstbetrug genährt, oder einen weit ärgern
geduldet haben? Ist es Ihnen möglich, an die Dauer solcher Verhältnisse zu
glauben, die nur in Unschuld und Vertrauen ihre schwindliche Höhe erreicht
hatten? O Sophie, das Göttliche im Menschen ist da, ohne dass er es weiß. Es
kommt ihm im Schlaf, er trägt es mit sich in das Leben hinein, es wird ihm ein
zweites Leben, er selbst erfährt es eben
