 Sorgen. Wer
aber hätte Sie warnen können? wem würden Sie geglaubt haben? Göttliche Gewalt
hat nur das Göttliche. Erschrecken Sie nicht zu sehr, Sie, das möchte ich
beschwören, finden Ihren Weg wieder. Dulden Sie doch die Freundin zur Seite.
Lassen Sie mich es wissen, wie und wo Sie Trost suchen? Was Sie ergriffen, wie
Sie leben?
    Hier, denken Sie wohl, erfahre ich nichts von Ihnen. Wen dürfte ich deshalb
befragen? Zuweilen hatte ich den Gedanken, Madame Lindhof einen Besuch zu
machen. Aber ich bin nicht im Stande, den Weg dahin anzutreten! Wie sollte ich
jetzt schon den Anblick Ihres Hauses, des Gartens - Nein, Elise, nein! meine
Seele ist zu wund, um sie den schneidenden Luftzügen in den ausgekälteten Räumen
so frühe bloszustellen. Am Grabe unsrer Freunde finden wir sanfte Tränen, am
Grabe ihres Glückes empört sich das Gefühl gegen die Ohnmacht, Geschehenes nicht
ungeschehen machen zu können. Ich habe so genug mit mir zu tun, die ängstigende
Frage immer wieder aufs Neue meinem Gewissen zu beantworten: Ob es auch recht
war, dass ich die Oberhofmeisterin reisen ließ, da ich damals schon ahndete, wie
sehr Sie der Freundin bedurfte? Es ist nicht immer leicht, von zweien Pflichten
die dringendere zu wählen, vollends aber wird es denen erschwert, die, in
unabhängiger Beziehung zur Welt, sich selbst im entscheidenden Augenblicke
bestimmen sollen. Ich glaubte damals das Unerfreuliche tun zu müssen, und
dachte mir in dem Opfer eigener Wünsche zu genügen. Vieles wäre wohl
unterblieben, willigte ich nicht in den Vorschlag der leidenschaftlichen
Freundin! Doch wie ist das Leben zu berechnen! durfte ich hoffen, es mit einem
so mächtigen Feinde, als Ihr eigenes Herz, beste Elise, aufnehmen zu dürfen?
    Sehen Sie aber hieraus, wie schwach ich bin, und wie wenig es mir einfällt,
bei Ihnen die Starke spielen zu wollen. Gewiss, Beste! Sie können mich dreist in
die Falten Ihres Innern sehen lassen, ich bin gewiss, nur die eignen, verborgen
gebliebenen Schattenstellen darin wieder zu erkennen. Kann Sie auch das nicht
bewegen, mir wieder die liebe, vertrauende Elise zu werden?
 
                                Elise an Sophie
Gütige Freundin! Ja, Sie sind die Alte geblieben! Sie verläugneten sich nie. Das
tut der Mensch überhaupt selten. Wir täuschen uns nur über ihn. Wie ich der
Welt jetzt erscheine, lässt sich denken. Jede geschäftige Hand sucht wohl die
dunkelsten Tinten aufzutragen, um das Bild, wie aus Nacht und Hölle heraussehen
zu lassen! Es war sehr albern von mir, dass ich denken konnte, Sie würden sich
durch solche Karrikatur irre machen lassen, und mich verkennend zu erkennen
glauben
    Sie sehen,
