 Mein Gott! liegt denn die Idee innerer Harmonie so tief,
dass sie die Leute nicht finden können? Müssen sie ihre kleinen, geselligen
Bedingungen dem unterlegen, was in sich bedingungslos ist?
    Wäre ich eine phantastisch Überbildete, ich könnte glauben, von künstlichen
Netzen umsponnen zu sein. Aber, meine ganze Natur ist dem fremd. Ich atme nur
frei, wo ich Wahrheit finde. Und gäbe es eine andere Wahrheit für mich, wie für
diejenigen, welche mich richten?
    Man beschuldigt mich, einen Raub an Emma begangen, Sie dieser entrissen zu
haben. Es fehlt nicht viel, so wirft man mich mit allen müßigen Törinnen in
eine Klasse, und macht Gefallsucht und Eitelkeit zum Hebel eines
Einverständnisses, das wahrhaftig ohne Wissen und Willen da war, ehe an seine
Existenz gedacht ward.
    Gibt es denn auch Klausen und Zellchen für die Geister, dass sie einander
nicht nahen dürfen? und ist um jedes Hauses Heerd eine geheiligte Schranke
gezogen, die selbst des Himmels Macht nicht sprengen soll? Es verschlüge mir
wenig, Toren darüber schwatzen zu lassen, aber auch gute Menschen, solche, die
mir zugetan sind, fällen ein hartes Urteil. Sie wissen, welche Veranlassung
die Zungen löste! Es hat mir wehe getan. Und wie Eduard darunter leidet! Gott!
der Mann, dem die Stimme der Welt viel mehr, als die des eignen Herzens gilt,
wie schwer erträgt er die Überzeugung, diese gegen mich zu wissen.
    Auch hat er in vielen Stücken recht. Es ist nicht gleichgültig, wie wir zu
den Menschen stehen. Ich fühle das sehr gut. Es ist schon eine Weile her, da
schrieb mir Sophie, diese bedeutungsvollen Worte, welche ich damals weit
entfernt war, auf mich zu beziehen.
    »Der Ruf ist darum so heilig,« sagte sie, »weil er den Weg zum menschlichen
Vertrauen bahnt oder verschließt.« Sehen Sie, man mag sich dem Angewöhnenden
gegenüber so oder so stellen, man steht nicht mehr unbefangen und frei.
    Ich sagte das Eduard. Er ist billig genug, es einzusehen. Zum Glück bot der
erwachende Frühling einen schicklichen Vorwand, die Stadt zu verlassen. Wir sind
nun hier auf dem Lande. Es war eine traurige Rückkehr, Hugo! Das Haus sieht so
nüchtern aus den unbelaubten, kaum erst knospenden Bäumen hervor. Die Zimmer
sind unfreundlich, der Gartensaal ist noch nicht zu bewohnen, Blumen und
Staudengewächse bleiben vor der Hand in den Treibhäusern eingeschlossen. Als
wäre aller Schmuck von dem Leben abgestreift, gehe ich an den leeren Gestellen,
zwischen kahlen Brettern einher, und suche den Herbst mit seinen langen,
glühenden Abendlichtern, dem goldenen Blätterdach und purpurnen Wolkenbergen.
Wie reich war die Natur! welche Fülle
