 strömten. In demselben
Augenblick wurde Hugo ein grossgesiegelter Brief, den ich sogleich für einen
fürstlichen erkannte, eingehändigt. Er riss ihn auf. Dann brach er in lautes
Lachen aus, und verließ, ohne weiter etwas zu sagen, mein Zimmer.
    Seitdem sind mehrere Tage verflossen. Er beobachtet das tiefste
Stillschweigen. Meine Mutter verlässt das Zimmer nicht. Mich sieht und spricht
sie nur flüchtig. Der Komtur hat allein freien Zutritt bei ihr.
    Ich stehe wie auf Kohlen. Fragen kann ich Niemand. Ich fürchte die Antwort;
und von selbst spricht Niemand frei zu mir.
    Gott! Gott! wodurch habe ich Hugo's Zutrauen verscherzt! Er glaubt mich
gegen ihn verbündet; er hält absichtlich mit etwas, das ihn ärgert, gegen mich
zurück.
    Um das Maß meiner Unruhe voll zu machen, muss die arme Elise am Hofe eine
Kränkung erfahren haben. Die Stadt ist voll davon. Hugo und mein Name werden
dabei genannt. Der junge Wildenau war hier. Ich hörte ihn mit dem Oheim auf
einem Spatziergange im Garten angelegentlich davon reden, ohne dass ich das
Nähere deutlich verstehen konnte noch wollte.
    Werfen Sie aus Ihrem hellen Himmel einen Blick in meine verworrene Welt, und
sagen Sie mir bald, wie ich es anfange, klar und beruhigend für Andere zu denken
und zu handeln. Was hilft es, fände ich auch mich selbst ganz und vollständig
wieder, kann ich den geliebten Mann nicht zufrieden stellen!
 
                                 Elise an Hugo
Nein, ich wanke nicht, verlassen Sie sich darauf. Ich kann Vieles aufgeben, nur
mich selbst nicht. Was einmal Wurzel in meiner Seele schlug, das verwächst mit
ihr, und ist ewig wie sie! Ich habe keinen Begriff von einer Freundschaft, die
den Umständen weicht.
    Was ist, das ist! Die Welt kann davon nichts ab, nichts hinzu tun. Diese
freilich wird jetzt eine andere für uns.
    Wie dem Erdbeben die Bewegung lebloser Körper vorangeht, so höre ich um mich
jenes dumpfe Dröhnen, das innere Zittern und Anklingen, was mit heimlicher
Geschäftigkeit auf Zusammenbrechen der Form hinarbeitet.
    Es ist sehr unheimlich in meiner Welt geworden, Hugo! Sehr unheimlich!
    Ich fasse es oft nicht, wie der heitre, frische Lebensbach mit seinen
hüpfenden, leicht bewegten Wellchen plötzlich solch dunkler Strom werden konnte.
    Und dabei ist nichts geschehen. - Kein Umsturz der Verhältnisse, keine
Erschütterung des Daseins hat an dem Bestehenden gerüttelt.
    Alles blieb, wie es war. Nur das Leben! das Leben, ist auf unbegreifliche
Weise anders geworden.
    Sagen Sie mir, haben Sie den Schlüssel zum Geheimnis? Bin ich denn ganz
verblendet gewesen? Bin ich es noch, dass ich nicht sehen kann, was Andern so
großes Ärgernis gibt?
