 sollten es wissen. Der dünne, blasse, stumme Kaplan,
der mir wie ein Gespenst nachschleicht, und auf den Fersen sitzt, sobald sich
Georg zu mir flüchtet. Eduards blindes Vertrauen zu ihm, die peinlichen
Tischgespräche, der Zwang, mit dem Menschen meinen Tag zuzubringen, seine
Begleitung auf Spatziergängen und Fahrten dulden zu müssen, wenn ich das
geängstete Kind nicht martern lassen will; dies und noch unendlich Vieles, was
damit zusammenhängt, was auf die Zukunft hindeutet, was mir nur zu gegründete
Sorge gibt, sollten Sie von mir hören. Ich kann nicht mit Ihnen lachen. Sie,
hoffte ich, würden mit mir denken, wie dem frostigen, pressenden Einflusse auf
das frohsinnige Kind, so wie auf mich, entgegen zu wirken sei? Aber mit nichts
konnte ich Sie fassen, Hugo! nicht meine Bitten, nicht mein Unwille. Wo waren
Sie mit Ihrem Selbst, dass ich Sie nicht zu finden wusste? Es gibt einmal nichts
Unbequemeres für mich, als Besorgnisse hegen zu müssen. Mit dem Schmerz nehme
ich es eine Weile auf. Entweder ich besiege ihn, oder ich ergebe mich darin, und
will nichts mehr, als die Dinge so gehen lassen, wie sie wollen.
    Ehe es aber so weit kommt, gibt es viele Mittelzustände, in denen dem
Menschen allerlei zugemutet wird, was er sich nicht gefallen lassen darf;
Widersprüche aus Unsinn und Vorurteil erzeugt, an denen sich unser Scharfsinn,
wie die Kraft des Stärkern prüfen soll. Aus diesem Grunde biete ich auch deshalb
alles auf, dem Steine auszuweichen, den mir das Geschick entgegen rollt, und
stoße ich doch darauf, so überspringe ich ihn. Stehen bleiben und müßig klagen,
kann ich nicht. Die Überzeugung, dass gegen jedwedes Übel ein Mittel zu finden
sein müsse, hat es mir noch niemals an einer passenden Auskunft fehlen lassen.
Warum bin ich aber jetzt so ganz ohne Zuversicht und Klarheit? Den Kaplan
entfernen, hieß gegen den Strom im Moment der Brandung schwimmen wollen. Ihn
dulden und unschädlich machen, dazu gehört ein anderer Charakter, als der
meinige. Wen ich nicht von selbst gewinne, der bleibt für mich verloren.
Berechnen kann ich weder mich noch Andere. Das Leben gehen lassen, ist in vielen
Stücken gut, allein hier kann zu Vieles untergehen, ehe die Natur ihr stilles
Recht behauptet.
    Was ist also zu tun?
    Schaffen Sie Rat, Hugo! Auf Sie zähle ich in meiner Angst. Wissen Sie auch,
von woher mir der Schlag kam? Aus Ihrem Hause! Dem Oheim und der Nichte verdanke
ich diese Zugabe meines Hauskreuzes. Tadeln Sie indes Niemand. Beide handelten
nach bester Überzeugung. Ihnen fiel es nicht ein, meiner Überzeugung zu nahe
treten
