
    Die Nacht ging auf diese Art hin. Die Kinder schliefen endlich ein. Am
Morgen fanden sich unwillkürlich alle Gemüter mehr im Gleichgewicht. Man
hoffte nichts Bestimmtes, aber das Gefürchtete stand doch ferner.
    Es ist ungefähr noch so. Indes fühle ich dem Arzt an, er greift behutsam,
aber unbefriedigt nach dem unsichtbaren Faden durch dies Labyrinth. Wenn die
Frau stürbe! Mein Gott! die Kinder, der Mann! - Sophie, es ist doch etwas sehr
Tiefsinniges um Familienbande. Welch geheimnisvoller Verein! Und was heilt den
Riss, den hier der Tod machen kann! Das Leben? - Ja, es gleicht äußerlich alles
aus, aber die Kinder ohne die Mutter! Die Welt ist nicht reich genug, die Lücke
zu füllen.
    Ein ganzer Tag und eine Nacht ist wieder vorüber. Wir stehen auf dem alten
Fleck.
    Mir ist so beklommen, als läge ein Fels auf meiner Brust.
    Was daraus werden wird!
    Der Arzt ist jetzt in der Stadt. Er kommt erst spät Abends.
    Ich bin unaufhörlich auf den Beinen, entweder hinunter nach dem Amtofe oder
hierher zurückzugehen. Deshalb flüchte ich mich auch nur auf Momente mit der
Feder zu Ihnen. Ich täte es gern mit Leib und Seele. Allein, fort kann ich
nicht von hier, so sehr mich auch alles presst und klemmt. Ich hielte es nicht in
der Ungewissheit anderwärts aus. Die Familie ist zu unglücklich.
    Walter war eben hier. Er kam von Ihnen. Ist es wahr, was er behauptet? Sie
verreisen? Ihre Leute haben es ihm anvertraut, und Sie selbst es angedeutet,
indem Sie grauen Taffet zu einem Staubmantel, und einen grünen Schleier von ihm
kauften.
    Was gehen Sie denn für Umwege mit mir, Sophie? Ein Fremder war bei Ihnen.
Ein junger, feiner Herr, wie Walter versichert. Im Hause wusste man seinen Namen
nicht. Wenn es der wäre, den ich meine.
    Es ist mehr als wahrscheinlich. Ihr plötzliches Verstummen und Abwehren
führt auf seltsame Schlüsse.
    Leben Sie wohl! Ich bin betrübt und verdrießlich, seit Sie die Geheimnisvolle
gegen mich spielen.
 
                                    Antwort
Ziehen Sie keine voreilige Schlüsse, liebste Elise. Denken Sie auch nicht, ich
wähle verborgene Wege, um Ihnen zu entgehen.
    Bei Ihrer Billigkeit, Ihrer freien, natürlichen Weise, braucht es nichts,
als das offene Geständnis, dass ich etwas zu verschweigen habe, was mir von
Freunden anvertraut ward, die meine Teilnahme wie meinen Beistand in Anspruch
nehmen.
    Sie sind gewiss weit entfernt, nach fremdem Eigentum Verlangen zu tragen;
aus demselben Grunde würden Sie auch die Erste sein, eine Mitteilung zu
wünschen, die ich Ihnen nur auf Kosten Anderer machen könnte.
    Lassen Sie sich nicht danach verlangen
