 Rache, vollgeltende Rache!« -
    Dieser Gedanke belebte den Unseligen, von Zweifeln und Mutlosigkeit
Zerrissenen mit dem Funken, der nicht aus dem Himmel stammt, sondern aus der
Tiefe. Zodick raffte sich zusammen, blickte wild, mit wehenden Haaren zu den
jagenden Wolken auf, die vergebens ihre dichtesten Schneeflocken hernieder
sandten, das glühende Molochgebilde abzukühlen. - »Der Bund ist zerrissen!«
schrie er gellend hinauf, das einzige lebende Wesen unter dem stillen eisigen
Regen: »Sammael! Fürst der Wildnis, Fürst des Todes und Gatte der entsetzlichen
Nachtfrau Lilis, der Gebärerin aller Schreckgespenster und Sünden! Dir ergebe
ich mich! Schütze mich vor dem Zorne unsers Gottes! berge mich vor der Wut
Edom's! Lehre mich das Schwert führen gegen das Gesetz, das nicht mehr mein ist.
Erlaube mir, Rache zu nehmen an Israel, wie an Esau, bis Du einst meinen Geist
dahin nimmst in den Stürmen Deines Grimmes!«
    Als ob der entsetzliche Sammael ihn verfolge, irrte der Sünder auf den
Schneefeldern umher, bis der nächste Morgen grau und kalt heraufstieg, und ihn
zur Hütte trieb. Das wachsende Licht des Tages senkt stets mehr Zuversicht in
gute, wie in böse Zweifelnde Herzen. Der Wahnsinn der verweinten oder
verlästerten Nacht schwindet in ruhigeres Nachdenken hin, und auch Zodick wurde
ruhiger, gemässigter. Er sah plötzlich ein, wie sehr sein irdischer Vorteil
durch die notgedrungne Glaubensänderung gewinne, und dass es dem jenseits
Verlornen erlaubt sein müsse, hienieden doppelt zu leben in eigener Freude und
fremden Leiden. Er erklärte vogelfrei alle Menschen, wes Glaubens sie auch
seien, und beschloss, nun das Werk seiner Rache an Ben Davids Hause auf's
glänzendste zu vollenden. Trunken vor Freude über die entsetzlichen Bilder, die
in seinem Gehirne aufstiegen, dankte sogar der Verblendete der Vorsehung für die
verwichne Nacht. Sein Aberglaube wähnte von dem Schicksale mit Vorbedacht, die
Freiheit erhalten zu haben, ohne Gewissensangst seinen Durst nach Rache löschen
zu können, und seine Bosheit schritt langsam, aber kühn zur Ausführung.
 
                                Elftes Kapitel.
 Die Wohltat ist eine stattliche Pflanze;
 ihre seltenste Blüte aber ist: Dankbarkeit.
                                                             Pers. Sittenspruch.
Allgemach war die Zeit eingetreten, in welcher, nach den Berichten alter
Schriftsteller, die Deutschen zu rasen pflegten, vorsätzlich, sich in Gespenster
vermummten, und allen Mutwillen für erlaubt hielten; die Fastnachtzeit nämlich
- das dreitägige Fest, das einer langen dauernden Reihe von Tagen der Betrübnis
und des Fastens vorausgeht. Diese fröhliche Zeit, sehnlichst herangewünscht von
allen Ständen, setzte in Kostnitz alle Hände in Tätigkeit, alle Sinne in
Arbeit. Der Ernst und die wichtige Förmlichkeit der Kirchenversammlung, deren
Beschlüsse eine allgemeine Sittenverbesserung bezwecken sollten, setzten dieser
Volkslust wenig oder gar keine
