 du, Stunde, wo die Gräber sich
öffnen, und Raum wird für den Einen, der dann ruhen darf?«
    »Pfui Kuckuck, alter Heuler!« brach ich los, erbost über die weinerlichen
Manieren des ewigen Wanderers; »wie magst du nur solch ein poetisches Lamento
aufschlagen? glaube mir, du darfst dir gratulieren, dass du noch etwas Apartes
hast; manche lustige Seele hat es an einem gewissen Ort viel schlimmer, als du
hier auf der Erde; man hat doch hier oben immer noch seinen Spaß, denn die
Menschen sorgen dafür, dass die tollen Streiche nicht ausgehen. Wenn ich so viele
freie Zeit hätte, wie du, ich wollte das Leben anders genießen. Ma foi,
Brüderchen, warum gehst du nicht nach England, wo man jetzt über die galanten
Abenteuer einer Königin öffentlich zertiert? Warum nicht nach Spanien, wo es
jetzt nächstens losbricht? Warum nicht nach Frankreich, um dein Gaudium daran zu
haben, wie man die Wände des Kaisertums überpinselt, und mit alten Gobelins von
Louis des Vierzehnten Zeiten, die sie aus dem Exil mitgebracht haben, behängt.
Ich kann dich versichern, es sieht gar närrisch aus, denn die Tapete ist überall
zu kurz und durch die Risse guckt immer noch ernst und drohend das Kaisertum,
wie das Blut des Ermordeten, das man mit keinem Gips auslöschen kann, und das,
sooft man es weiß anstreicht, immer noch mit der alten bunten Farbe
durchschlägt!«
    Der alte Mensch hatte mir aufmerksam zugehört, sein Gesicht war immer
heiterer geworden, und er lachte jetzt aus vollem Herzen: »Du bist, wie ich
sehe, immer noch der alte«, sagte er, und schüttelte mir die Hand, »weißt jedem
etwas aufzuhängen, und wenn er gerade aus Abrahams Schoss käme!«
    »Warum«, fuhr ich fort, »warum hältst du dich nicht länger und öfter hier in
dem guten ehrlichen Deutschland auf? Kann man etwas Possierlicheres sehen, als
diese Duodezländer? Das ist alles so - doch stille, da geht einer von der
geheimen Polizei umher; man könnte leicht etwas aufschnappen, und den Ewigen
Juden und den Teufel als unruhige Köpfe nach Spandau schicken; aber um auf etwas
anderes zu kommen, warum bist du denn hier in Berlin?«
    »Das hat seine eigene Bewandtnis«, antwortete der Jude; »ich bin hier, um
einen Dichter zu besuchen.«
    »Du einen Dichter?!« rief ich verwundert; »wie kommst du auf diesen
Einfall?«
    »Ich habe vor einiger Zeit ein Ding gelesen, man heißt es Novelle, worin ich
die Hauptrolle spielte; es führte zwar den dummen Titel Der Ewige Jude, im
übrigen ist es aber
