 und schön gilt, so haben wir auch eigene
Ansichten über Beurteilung der Literatur. Es traut sich nämlich nicht leicht ein
Mann oder eine Dame in der Gesellschaft ein Urteil über ein neues Buch zu, das
sich nicht an ein öffentlich ausgesprochenes anlehnen könnte; man glaubt darin
zu viel zu wagen. Daher gibt es viele öffentliche Stimmen, die um Geld und gute
Worte ein kritisches Solo vortragen, in welches dann das Tutti oder der Chorus
des Publikums einfällt.«
    »Aber wie mögen Sie über diese Institute spotten, mein Herr Baron?«
unterbrach ihn der Lord; »ich finde das recht hübsch. Man braucht selbst kein
Buch als diese öffentlichen Blätter zu lesen, und kann dann dennoch in der
Gesellschaft mitstimmen.«
    »Sie hätten recht, wenn der Geist dieser Institute anders wäre. So aber
ergreift der, welcher sich nach diesen Blättern richtet, unbewusst irgend eine
Partie, und kann, ohne dass er sich dessen versieht, in der Gesellschaft für
einen Goetianer, Müllnerianer; Vossiden oder Creuzerianer, Schellingianer oder
Hegelianer, kurz für einen Y-aner gelten. Denn das eine Blatt gehört dieser
Partie an, und haut und sticht mehr oder minder auf jede andere, ein anderes
gehört diesem oder jenem gossen Buchhändler. Da müssen nun fürs erste alle seine
Verlagsartikel gehörig gelobt, dann die seiner Feinde grimmig angefallen werden,
oft muss man auch ganz diplomatisch zu Werk gehen, es mit keinem ganz verderben,
auf beiden Achseln (Dichter-) Wasser tragen und indem man einem freundlich ein
Kompliment macht, hinterrücks heimlich ihm ein Bein unterschlagen.«
    »Aber schämen sich denn Ihre Gelehrten nicht, auf diese Art die Kritik und
Literatur zu handhaben?« fragte der Marquis; »ich muss gestehen, in Frankreich
würde man ein solches Wesen verachten.«
    »Ihre politischen Blätter, mein Herr, machen es nicht besser. Übrigens sind
es nicht gerade die Gelehrten, die dieses Handwerk treiben. Die eigentlichen
Gelehrten werden nur zu Kernschüssen und langsamen, gründlichen Operationen
verwandt, und mit vier Groschen bezahlt. Leichter, behender sind die
Halbgelehrten, die eigentlichen Voltigeurs der Literatur. Sie plänkeln mit dem
Feind, ohne ihn gerade gründlich und mit Nachdruck anzugreifen; sie richten
Schaden in seiner Linie an, sie umschwärmen ihn, sie suchen ihn aus seiner
Position zu locken. Auch dürfen sie sich gerade nicht schämen, denn sie
rezensieren anonym, und nur einer unterschreibt seine kritischen Bluturteile mit
so kaltem Blute, als wollte er seinen Bruder freundlich zu Gevatter bitten.«
    »Das muss ja ein eigentlicher Matador sein!« rief der Lord lächelnd.
    »Ein Matador in jedem Sinne des Worts. Auf spanisch - ein Totschläger, denn
er hat schon manchen niedergedonnert; und wahrhaftig,
