 Es war vorauszusehen, dass seine
prophetische Kraft, sein spekulativer Geist sich nicht lange halten konnten.
Missglückten nur erst einige Spekulationen, die er, auf sein blindes Glück und
seinen noch blinderen Verstand trauend, unternahm, verlor er erst einmal fünfzig
oder hunderttausend, und zog seinen Schwiegerpapa in gleiche Verluste, so fing
die Hölle für ihn schon auf Erden an.
    Rebekkchen, das liebe Kind, sah auch nicht aus, als wollte sie mit dem neuen
Glauben auch einen neuen Menschen anziehen. War sie erst »Gnädige Frau von
Zwerner«, so war zu erwarten, dass die Liebesintrigen sich häufen werden; junge
wohlriechende Diplomaten, alte Sünder wie Graf Rebs, fremde Majors mit
glänzenden Uniformen, waren dann willkommen in ihrer Loge und zu Hause, und der
Dessauer hatte das Vergnügen, zuzuschauen. Und wie wird dieser sanfte Engel,
Rebekka, sich gestalten zur Furie, wenn die spekulative Kraft ihres Eheherrn
nachlässt, und damit zugleich sein Vermögen, wenn man das glänzende Hotel in der
Zeile, die Loge im ersten Rang, die Equipage und die hungernden Liebhaber samt
der köstlichen Tafel aufgeben, wenn man nach Dessau ziehen muss, in den alten
Laden des Hauses Zwerner und Komp.; wenn die gnädige Frau herabsinkt aus ihrem
geadelten Himmel und zur ehrlichen Kaufmannsfrau wird, wenn man den Gemahl statt
mit Papieren, wie es nobel ist und groß, mit Ellenwaren und Bändern, ganz klein
und unnobel handeln sieht! Welche Perspektive!!
    Doch, am vierten Pfingstfeiertag 1826, dachte man noch nicht an dergleichen
im Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstrasse. Da war ein Hin- und
Herrennen, ein Laufen, ein Kochen und Backen; es wurde ungemein viel
Gänseschmalz verbraucht, um koscheres Backwerk zu verfertigen; ein Hammel wurde
»geschächt«, um köstliche Ragouts zu bereiten.
    Der geneigte Leser errät wohl, was vorging in dem gesegneten Hause? Nämlich
nichts Geringeres als die Verlobung des trefflichen Paares. Die halbe Stadt war
geladen und kam. Hatte denn der alte Simon nicht treffliche alte Weine? Speiste
man bei ihm, das Gänsefett abgerechnet, nicht trefflich? Hatte er nicht die
schönsten jüdischen und christlichen Fräulein zusammengebeten, um die
Gesellschaft zu unterhalten durch geistreiche Spiele und herrlichen Gesang?
    Auch Graf Rebs, das treffliche Kaninchen, war geladen, und nur das brachte
ihn einigermaßen in Verlegenheit, dass nicht weniger als zwanzig Frauen und
Fräulein zugegen waren, mit denen er schon in zärtlichen Verhältnissen gestanden
hatte. Er half sich durch ausdrucksvolle Liebesblicke, die er allenthalben
umherwarf, wie auch durch die eigene Behendigkeit seiner Beinchen, auf welchen
er überall umherhüpfte und jeder Dame zuflüsterte: sie allein sei es eigentlich,
die sein zartes Herz gefesselt. Die übergrosse Anstrengung, zwanzig auf einmal zu
